Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 4 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Der Jüdische Student befreiendes „Wohlan, laßt das Sinnen und Sorgen!" daran anschließen kann. Aber der wehmütig weiche Humor ist doch von der lärmenden, rücksichtslosen Heiterkeit einer-Fiduiitätsrunde so weltenfern, daß nur sträfliche Geschmacklosigkeit sie zusammenwerfe:; kann. Dadurch erhalten unsere Kneipen nicht die jüdische Note, sondern einen barbarischen Mißton! In der Herstellung des offiziellen Teils am Schluß einer fröhlichen Kneipe liegt der Mahnruf des Präsiden zur Selbstbeherrschung. Ich weiß nicht, ob wir diese schöne Gewohnheit geschaffen haben!? Aber auch hier habe ich Entstellungen erlebt, die unglaublich klingen. Es wurden noch ein paar jüdisch-politische Kampflieder mit sämtlichen Strophen gesungen und der Präside hielt der kaum aufrecht sitzenden Korona einen viertelstündigen Erläuterungsvortrag* mit lallender Zunge. Das heißt unserer Sache einen schlechten Dienst erweisen. Auf diesem Wege werden sich keine schöneren Kneipenschlüsse schaffen lassen, als durch .das Absingen der drei bis vier schönen Schlußlieder des deutschen Kommersbuches. Den internen Kneipen fehlt ■ manchmal die rechte Teilnahme und Liebe. Unter dem kalten Hauche innerlicher Verachtung und Ablehnung kann allerdings diese Pflanze nicht gedeihen. Wenn man nichts von Kneipen hält, ist es besser, sie nicht anzusetzen. Die Regelmäßigkeit des Korporationslebens läßt sich auch durch andere Mittel aufrecht erhalten. Auch ich habe mich erst spät, aber gründlich bekehrt. Stimmung und Verlauf hängt hier in weit höherem Grade von dem persönlichen Zusammenklingen der Korona, von der Teilnahme besonders humorvoller Bundesbrüder—last not least von der Qualität des Stoffes ab. Der geschickte Präsiclc wird auf eine gleichmäßige Beteiligung und Betätigung aller hinwirken. Denn in dem Grade, wie einer deklamiert, redet, singt, trinkt, Witze macht, wie er warm geworden ist, wird er die Kneipe loben oder tadeln. Dies Moment der Wechsel wiikung, der Stimmung, ist so ziemlich für jede Kneipe ausschlaggebend. Jüngere Bundesbrüder mögen hierdurch angeregt sein, auch unsere winzigsten Einrichtungen nicht gedankenlos hinzunehmen, sondern sie mit Geist und Liebe zu erfüllen; und auch zu vielen älteren glaube ich nicht ohne Berechtigung gesprochen zu haben.