Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1912)
- Date
- 1912-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student S5 wesen sein. Es krachtowieder einmal bedenklich im zionistischen Bau, den Dr. Herzl und die Seinen mit so viel Kunst aufgeführt hatten. Aber immer, seit den Tagen Mosis, hsä dies Volk gegen seine Leiter gemurrt; immer sind seine Fü ferner hingegangen, ehe sie das Land der Sehnsucht betreten koniatten. An der Zukunft des Zionismus muß man darum nicht verzweifeln; gerade in der Beschränkung, in der er nunmehr besteht, liegt eine große Bürgschaft seiner Entwidmung und seines Gedeihens. Was die Millionen des Baron Hirsch nur mit sehr ■fraglichem Erfolge eingeleitet, das soll nun dusch eigene Kraft und Anstrengung zu besserem Ende geführt werden: die Evakuierung des europäischen Ostens. Millionen leben da, zum allergrößten Teile im bittersten Elend, eingepfercht in ein riesenhaftes Ghetto, und nicht einmal innerhalb seiner Umfriedungsicher vor jeder Gewalttat; unfähig, ihre geisffigen Fähigkeiten zu entwickeln, immer wieder auf den Talmud nisnd seine spitzfindige Erforschung hingedrängt. Ihnen miuß irgendwo ein Raum geschaffen werden, wo sie seßhaft werdein, ihren Gesetzen leben und zeigen können, was sie unter günstigeren Verhältnissen vermöchten, als sie ihnen schon so lange verhängt sind; damit ihre stets wiederholten Wanderungen umd Austreibungen nicht immer wieder den Unwillen breiter Volksmassen gegen ihre Brüder wachrufen, die im Westen heimisäfc geworden und zu einer höheren und freieren Gesittung gedielten sind. Noch ist diese Notwendigkeit den Mächtigen und Reichen nicht genügend klar geworden; wer soll sie ihnen ins Bewußtsein rufen, wenn Theodor Herzls Mund verstummt ist? Allerdings im alten Testament erstand immer im Augenblick der [höchsten Gefahr dem Volke Gottes ein neuer Herzog. Wer wird sich nun erheben, die zerstreuten Stämme Israels zu sichten und ihnen den Weg zur Freiheit und ins gelobte Land zu .weisen? Denn wahrhaftig — alles ist besser als die Verhältnisse not den unermeßlichen Gebieten des europäischen Ostens. Immer hat der Wiener Journalismus große Begabungen an sich gezogen. Nicht an Könnern, nicnt m Männern von schöner Gesinnungstüchtigkeit hat es ihm jemals gefehlt, so arge Schatten sich daneben zeigten. Nach Reichtum und Fülle der Gaben muß Herzl an den Allerbesten gemessen werden, die hier jemals gewirkt haben, und wird mit d« besten Ehren bestehen. Die Größe seines Wollens aber höbt ihn weit über die meisten und macht ihn zu einer kulturhistorisch wichtigen Erscheinung. — Weltkind und Prophet, Plauderer und Verkünder neuer Heilslehren in einer Person, und eines wie das andere aus innerlicher Notwendigkeit. Wie kaum sein Tag von Damaskus und hat die eine Seite seines Wesems so wundersam gewandelt, die andere unberührt gelassen? Man steht vor Rätseln und ehrlich ergriffen an seinem frühem-Grabe.