Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1912)
- Date
- 1912-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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S2 Der jüdische Student und öffentliche Meinung, gröhlen auf den Boulevards ihr Hohnlied: „Hei, dem Wirbel der Millionen, sind verdammt wir beizuwohnen." Den sicheren Takt, mit dem strenger Bericht, Raisonnement, Feuilleton in der lebendigsten Weise abwechselten, ganz besonders aber das Feuilleton von den beiden Straßensängern habe ich immer als einfach genial empfunden. Eshat sich auch .in diesem Falle wie immer herausgestellt: für den Alltag und seine Bedürfnisse genügt der Berichterstatter, der sein Handwerk gelernt hat, sich Verbindungen zü schaffen und sie zu nützen weiß, der zuverlässig ist und Takt hat Uebrigens schon eine ganz hübsche Liste wichtiger Eigenschaften und Gaben, die der moderne Journalismus als' Selbstverständlich bei denen voraussetzt, die ihm in wichtigen Dingen dienen wollen. Für größere Aufgaben aber reicht das lange nicht. Da muß das Auge sicher und bestimmt Wesentliches und Unwesentliches scheiden; Symptome deuten, die gröberen Sinnen belanglos erscheinen; Zusammenhänge erkennen. - Historischer Sinn für das Dauernde, dichterisches Verständnis für das unfaßbar Entscheidende tut alsdann not. Flerzls eigenste Begabung aber war feuilletonistisch. - Er hat — sehr jung noch — allerdings gemeinsam mit Hugo Wittmann einen sehr hübschen und nachhaltigen BurgtVieatererfolgin „Wilddiebe" gewonnen. Er blieb ziemlich isoliert. Er hat sich mit :)SoIon in Lydien" auf das Gebiet des Gedanken- und Lehrdramas gewagt, mit „Das Neue Ghetto" die Judenfrage auf die Bühne gebracht. Hier aber widerfuhren ihm leicht Geschmacklosigkeiten, ja Kraßheiten, die eben ihm sonst ganz ferne waren. Ein innerlich feiner, kluger, etwas spöttischer Mensch, zum Zweifel geneigt, der handfest zugreifen und statt der gewohnten Arbeit Zimmermannswerk tun will. Der packt gern etwas gar zu derb an, damit er seine Krafi erwei.se; unterschätzt in seiner nur zu begründeten Mißachtung das Publikum zu sehr, so daß er selber Schaden dabei nimmt. Es ist überhaupt eines zu bemerken. Beim Feuilletonistcn gewöhnlichen Stils und Wuchses hat man vor seinen Arbeiten das Gefühl, man sehe Seifenblasen machen. Das ist ganz hübsch und ergötzlich, hat man aber das Blatt hinter sich, alsdann ist man endgültig damit fertig. Andere tun Glasbläserwerk. Gleiche Technik, aber in einem viel kostbareren und schwieriger zu behandelnden Material, das nur zerbrechlich, aber keineswegs an sich vergänglich ist. Man genießt sie mit einem leisen Bedauern, daß ihnen nicht Dauer vergönnt sein soll. Denn feine Betrachtungen die Fülle; bei Hugo Wittmann, dessen man hier immer zuerst denken muß, eine große und ehrliche Wärme des Herzens, eine persönliche suggestive Note, die einen für den Augenblick mindestens völlig gefangen nimmt. Nur liebt Herz! das Spiel mit weiteren Perspektiven; er ist grüblerischer, mehr zum Verneinen geneigt,-- ein -schlimmer'