Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1912)
- Date
- 1912-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Der jüdische Student 81 •schaftlich erörtert wurden. Es war nicht leicht, sich bemerkbar zu machen, seine Geltung zu gewinnen und zu behaupten. Theodor HerzI ist es geglückt. Denn damals schon machte er den Eindruck einer geschlossenen Persönlichkeit isn-d eines Mannes. Es war etwas über mittelgroß; schlank und; kräftig gebaut. Ein sehr dunkler Teiiit, schwarzer, dichter und wohlgepflegter Bart, dann die Fülle schwarzen Haares. Merkwördige, tief braune Augen, voll eines gewissen Hochmutes, voll bewuliter Fragen, denen man den Blick hinter die Dinge und bis in ihr eigentliches Wesen zutraute. Eine gewisse Eleganz der Erscheinung war ihm Bedürfnis, wie eine gewisse Pose, die an ihm niemand bespöttelte. Denn sie gehörte zu ihm. Es kannten ihn alle und hatten eine starte Meinung von ihm, ohne daß einer 'ihm eigentlich näher gestanden wäre. Er studierte fleißig und besaß ein tüchtiges und weitverzweigtes Wissen, eine große Belesenheit, einen bestimmten Geschmack. So war er z. B. der erste, der eines Heinrich Leuthoids Lyrik nach ihrer Bedeutsamkeit begriff und pries; oder, von allen Novellen Theodor Stornis stand ihm des Dichtes „Ein grünes Blatt" am höchsten, seine kleinste, schlichteste Erzählung, die nach Innigkeit und Zartheit der Empfindung allerdings ganz unvergleichlich ist. Er hat sehr ernst und sehr zielbewußt an sich gearbeitet. Seine Versuche verbarg er, sodaß nicht Unfertiges von ihm zutage trat. So erregte denn schon sein erstes Feuilleton ein großes Aufsehen in jenen Kreisen. Es hieß „Cafe Birkenreis"; wenn ich nicht irre, erschien es in der „Allgemeinen Zeitung" und hielt eine Cafe Aula-Stimmung mit einer erstaunlichen Sicherheit, selbst mit einer gewissen Grausamkeit fest. Den Mann, der das geschrieben hatte, konnte man nicht mehr übeisehen in einer Stadt, in der das Feuilleton imm-er geblüht und starke, ja stärkste Talente in seinen Dienst gezogen halte. So übernahm er denn bald hernach das Feuilleton -desselben Blattes, bei dem er debütiert. Er ging hernach für die „Neue Freie Presse" nach Paris; als ihr Feuilleton-Redakteur ist er nun, wenig über vierundvierzig Jahre alt, vor der Zeit gestorben. Was er in Paris vollbracht, ist zum Teil m seinem Buche „Aus dem Paiais Bcurbon" niedergelegt. Er bnn in eine bewegte Zeit, voll stürmischer und trauriger Gärungen____ Mitten im Gottesgarten Frankreichs sah er sich plötzlich den Höllensumpf Panama auftun, drohend, die ganze dritte Republik zu verschlingen. Seine Berichte aus jener Zeit veralten nicht; und wer die Begebenheiten jener Tage studieren will, der kann nicht ohne sie sein. Sie sind von einer wunderbaren Klarheit und Anschaulichkeit und durch die vollendetste Form allein der Vergänglichkeit entrückt. * Die in ihrem Innersten aufgewühlte Weltstadt selber läßt er zu Worte kommen; zwei Camelots, Chorus