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Der jüdische Student · 1912-05-20 · Heft 2 (20.5.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 2 (20.5.1912)
Date
1912-05-20
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Der Jüdische Student 49 Heute nennen ihn die deutschen Juden ihren Erweckerund Befreier, der mit tiefem historischen Verständnis sie aus dem "Ghetto heraus in die deutsche Kultur hmübergeleitet habe. Lebte er und hörte diesen Ruhm, er lächelte sicher mit der ihm eigenen leichten Ironie und würde sprechen wie einst: „Was weiß ich von Geschichte?" In der Tat, es fehlte ihm jedes historische Verständnis. Er war nicht bloß kein Reformator, sondern wollte auch keiner sein. Er war em ganz individueller Mensch, der nur durch sich und in sich zu bewerten war. Eingeschlossen in seiner Studierstube, war er selbst das einzige Objekt seines Forschens und Formens. Nur nicht hinaustreten an die Oeffentlichkeit, nur nicht Gelegenheit zum Anstoß geben oder zum Reden, war die Losung seines Lebens. Sein Judentum, seine Philosophie, alles trug den fiausrock bei ihm. Unberührt vom Getriebe der großen, stark pulsierenden Welt lebte er, und weil er so lebte, gelang es iitan, sein Judentum und die neuerworbene deutsche Kultur, auf d»e er sich durch Leistungen ersten Grades ein Anrecht verschafft hatte, zu einer Einheit zusammenzuschmelzen; einer Einheit, die ganz und nur sein eigen bleiben mußte, weil sie aus seinem eigenen Leben erwachsen war. Sie war so sehr sein eigen., daß sie nicht einmal seiner Familie zum Vorbild dienen koente. Die Familie Mendelssohn zerbrach an dem Vorbild des Vaters, den sie nicht erreichen, sondern nur kopieren konnte. Es liegt eine Tragik darin, daß seine Kinder nicht mehr Juiden waren. Aber eine größere Tragik ist es, daß nicht bloß seine Familie, sondern ein ganzes Jahrhundert den Wegweiser in ihm sehen wollte. Es ist ein Unglück für die Judenhel gewesen, daß an der Pforte des Emanzipationszeitalters nicht ein großer, sondern, wie ein feinsinniger Schriftsteller sich einmal ausgedrückt hat, nur ein seltener, im wörtlichen Sinne seltener Mann stand. Hundert Jahre nach seinem Tode lebt in Paris ein moderner,' eleganter Jude, der sich auch unter die glänzendsten Stilisten seiner Zeit stellen darf, wenn nicht der einste, so doch der delikateste Schriftsteller des jungen Oesterreich, und trotzdem kein vollzunehmender: Ein Tagesschriftsteller,, der sich im Tageerschöpft. Er schreibt Feuilletons, deren holde Weisheit entzückend ist, aber nicht mehr als entzückend. Er schreibt Dramen, die in Einzelheiten schön, aber als Dramen kein Ruhm für ihn sind. Also kein ganzer Mann. Eines, dessen Können sich zersplittert. Mit einem Male besinnt sfch der Mann auf etwas, was er lang vergessen hat. Die Judoinot erinnert ihn, daß er Jude sei. Und er versucht tastend die Heimkehr zum Judentum. Drei Jahre später ist aus Theodor Herzl, dem Berichterstatter der Neuen Freien Presse, einer der ersten Männer Europas geworden, ein Politiker, der über eine Partei von Hunderttausenden verfügt, ein glänzender Parlamentarier, ein er-

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