Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Der Jüdische Student über das Individualitäfsproblem gesucht hat. Ich meine den Zionismus. Er hat zum ersten Male wieder das Judentum ins Zentrum der Persönlichkeit gerückt, es zur Atmosphäre gemacht, in der Tausende atmen und leben. Zum ersten Male haben wir wieder eine jüdische Welt- und Lebensanschauung, die auf den ganzen Menschen geht, ein Endziel, das die volle Persönlichkeit mit ihrer Tatkraft und Begeisterung, ihrer Liebe und Hingebung verlangt, ein Ideai schließlich, das nicht bloß fordert, sondern auch gewährt, indem es alle menschlichen Wünsche zu befriedigen sucht. Das neue, die ganze zersplitterte Judenheit einende Lebensprinzip, das er wieder erweckt hat, ist der uralte jüdische Stammesgedanke, oder, um mich der modernen-Nomenklatur zu bedienen, die „nationale Idee" auf deren Boden einst die stolzeste Kultur zu erblühen vermochte, auf deren Boden sie sich später erhalten hat und auf deren Boden sie auch in Zukunft bleiben wird, wenn anders sie noch einmal eine Renaissance erleben will. Was man mit solch einem starken Lebensprinzip anfangen kann, mag man aus den moralischen Erfolgen erkennen, die der Zionismus gezeitigt hat: Er hat im höchsten Sinne erzieherisch gewirkt. Er hat tausend verborgene und verschüttete Kräfte freigemacht, hat Politiker großen Stils, Dichter eigener Art, Künstler mit spezifischer Note geschaffen. Das ist etwas. Das hat sonst das ganze letzte Jahrhundert bei den Juden nicht fertig gebracht. Und das ist das, was uns Juden fehlt. Eins lehrt uns diese Bewegung jedenfalls : Daß es möglich ist, das jüdische Problem allseitig zu lösen. Denn das, was dazu nötig ist, ist vorhanden : Das rudimentäre jüdische Gefühl, das unbewußte Judentum, das allen Assimilationen zum Trotz besteht. Der Instinkt ist groß._ Die schlummernde Kraft gewaltig. Virtuell ist alles da. Es fehlt nur der Schöpfungsruf, der den schlafenden Keim zum Leben erweckt, daß er die Herzen durchbreche und aufsprieße zur edelsten Blüte eines immer reineren und gesitteteren Menschentums. Ich wäre nun eigentlich am Ende. Aber ich will doch nicht schließen, ohne den Grundakkord, das Leitmotiv dessen, was ich zu sagen hatte, noch einmal in einem lebendigen Symbole zusammenzufassen, wie es die Geschichte mir in Gestalt von zwei Persönlichkeifen liefert, deren eine am Anfang der Emanzipationsepoche steht, die andere am Anfang einer Epoche, die noch keinen Namen hat, wohl aber bald einen haben wird. Im Jahre- 1742 kam ein armer verkrürnmter Judenjunge von 13 Jahren nach Berlin, um zu lernen und zu hungern; Zwanzig Jahre später war er einer der glänzendsten Stilisten seiner Zeit.