Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 47 Westen haben das alles, sie besitzen das Handwerkszeug, und haben in hundert Jahren politischer Kämpfe gelernt, es zu benutzen. Ihnen fehlt wiederum der moralische Unterbau, den man. haben muß, um Politik auf eigene Faust m treiben. Das ist also das Rätsel der großen Judenfrage, das zu lösen ist: Die östlichen Juden müssen zu ihrer sittlichen Befähigung die. materiellen Möglichkeiten gewinnen. Die westlichen Juden müssen eine sittliche Wiedergeburt erleben. Wenn wir so weit stehen werden, wird die Lösung der Jucfenfrage nicht mehr fern sein. Und diese Lösung? Es gehört nicht mehr zu unserem Thema, sie zu erörtern. Aber interessant ist es immerhin,, theoretisch den Faden weiterzuspinnen und festzustellen, welche Entwicklung das Individuaütätsproblem nefanen müßte, wenn man das Interesse des Judentums im Auge hat. In Osteuropa hat die Entwicklung schon begonnen und wird von selbst weitergehen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und nicht sehr langer Zeit, wann die rassischen Juden die ihnen fehlende politische Bewegungsfreitheit erhalten werden. Was aber dem westeuropäischen Judean fehlt, haben wir vielfach gesagt: ein großes, lebensfüllendes Meal. Darum würde es sich also handeln: es müßte ein jüdisches Ideal gefunden vverden, das sich nicht bloß an das geringe jüdische Interesse wendete, das das Jahihundert der Assimilation]) in ihm übrig gelassen hat, sondern an seinen ganzen inneren Menschen. Ein Ideal, das. fähig wäre, all seine irdischen Sehnsuchten zu befriedigen, den Künstler in ihm, den Dichter den Philosophen, den Volkswirtschaftler und nicht zum mindesten den Ehrgeiz des Politikers. Ein Judentum müßte es sek, in dem er aufgehen könnte mit Leib und Leben, in dessen voller Herrlichkeit zu versinken seine stolzeste Freude wäre, sei er nun ein moderner Jude oder ein altmodischer. Wenn es möglich ist etwas derartiges im schaffen, — und es dürfte nichts aus der Luft gegriffenes seiin, sondern müßte erwachsen sein aus den alten, starken Traditionen der jüdischen Geschichte —, ich sage, wenn es möglich iist, dann ist die Judenfrage gelöst, die wirtschaftliche wie die kmilturell historische. Denn wieder sei es gesagt: Die Judenfrage isitim letzten Grunde nichts anderes als die Frage nach dem neuen Juden; dem neuen Juden, der ein reines, harmonisches Wesen stiln muß, ein edler Typus einer veredelten Menschheit, ein endlicher Akkord nach hundert Jahren voll seelischer Dissonanzen. Ich glaube, daß es möglich ist. Ich glambe es schon deshalb, weil es bereits eine Bewegung im Judentum gibt, die, was man immer gegen sie vorbringen mag, in der Fragestellung, der Fassung des Problems unzweifelhaft richtig ging, indem sie die Lösung des allgemein jüdischen Problems auf dem Wege