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Der jüdische Student · 1912-05-20 · Heft 2 (20.5.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 2 (20.5.1912)
Date
1912-05-20
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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46 Der Jüdische Student Problem historisch zu erfassen vermag. Er sieht den Antisemitismus und setzt ihm die „Abwehr des Antisemitismus" entgegen. Er sieht das östliche Judenelend und setzt ihm die Hilfsaktion entgegen, die trotz des. bewunderungswürdigsten Umfanges und trotz der größten materiellen Opfer der Einzelnen doch den Stempel der Wohltätigkeit trägt und tragen muß. Er sieht eben nur momentanes Elend und kann darum nur momentan helfen und auch das nicht einmal. Der Antisemitismus besteht trotz der Abwehr, das Judenelend trotz aller Hilfsaktionen. Und angesichts dieses verzweifelten Zustandes steht dem Assimilationsjuden nur ein Gedanke über den Dingen: Das ist das alte Humanitätsideal: der Fortschritt der Menschheit, Bei dem J Glauben an diesen Fortschritt beruhigt er sich und — wartet. Es ist ja die Mission des Judentums, als stummer Zeuge zu warten; Hält man seinem gefährlichen Optimismus den Antisemitismus entgegen, so antwortet er, daß die Menschheit im Wege einer wellenförmigen Kurve fortschreite, die zwar Hoch- und Tiefpunkte habe, aber dennoch im Mittel einer ansteigenden Linie gleiche. Er weiß nicht, daß die Kurve heute unter die Abscisse der Kreuzzüge gesunken ist. Ihm fehlt der historische Sinn dafür. Der Fortschritt ist ihm der einzige feste Punkt. Er hat eben nicht die moralische Kraft, den Fortschritt .der Menschheit in seinen Armen zu spüren und muß sich daher die eigene sittliche Impotenz durch ein Ideal hinwegspekulieren, das nichts kostet und nichts nützt, wenn es nicht von den arbeitswilligen Händen lebensstarker Männer geträgen wird. So sehen wir, wie die Theorien der Assimilationsepoche zerschellen an dem modernen jüdischen Wirtschaftsproblem, und der Assimilationsjude selbst angesichts der Forderungen der jüdischen Gegenwart, die heute als drängender Gläubiger an seine Tür klopft, um die alte Schuld der moralischen Verantwortlichkeit einzutreiben, seine Insolvenz erklären muß. Und das ist das Schicksalsschwere an der jüdischen Qegenwart: Das jüdische Wirtschaftsproblem kann nicht gelöst werden, weil das jüdische Individualitätsproblem noch seiner Lösung harrt. Erst müssen die Individualitäten da sein, die fähig sind, das Problem zu erfassen, und nicht bloß wirtschaftlich, sondern historisch zu erfassen als das Kulturproblem zweier Jahrtausende. Solange das nicht der Fall ist, wird jeder Lösungsversuch nicht über das Palliativum hinauskommen. So aber steht es heute mit der jüdischen Individualität: Die Juden im Osten hätten wohl die moralische Macht und den sittlichen Schwung, ihr Problem zu lösen; denn sie haben eine jüdische Weltanschauung, die sie befähigt, zu erkennen, was nottut. Aber es fehlt ihnen die praktische Befähigung, die politische und wirtschaftliche Schulung, vor allem aber die Bewegungsfreiheit, die nötig ist, um materiell an eine Lösung heranzugehen. Die Juden -im

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