Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3537599-3537600-3537602--2340-3540430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ergießen, allen Ungläubigen die Heimatlosigkeit Isra.dk in erschütterndstem Symbole, das gleichzeitig die erschütterndste Wahrheit ist, beweisend. Das ist das Problem der Jidenwanderung, die das allgemeine judenproblern in den vs-hängnisvollsten Zirkel hineintreibt: Die Juden verlassen die Iieider des höchsten Druckes und wandern in die Länder des leindesten Druckes. Aber sie entgehen ihrem Judenschicksal .rieht. Sie schleppen den Haß wie eine Seuche mit sich. Sie iilden in den Ländern ihres neuen Aufenthaltes jüdische Zeiiren und damit gleichzeitig Herde des Judenhasses. Noch" ertfeetzlicher wird der Zirkel, wenn menschenfreundliche Regiertngen sich gegen die Aufnahme von Juden wehren müssen, wdl sie sich gegen den Judenhaß wehren wollen, wie wir es in fen letzten Jahren b?i England und Amerika erlebt haben. Dan* tritt der Zustand der Repatriierung ein, d. h. die Zurückweisung der Flüchtlinge ins Vaterland, in dasselbe Vaterland, dae& sie, um mich eines biblischen Ausdrucks zu bedienen, biuhstäblich „ausgespieen" hat. Ich habe hier das jüdische Wirtschaftsproblem afeTatsache, nicht in seiner historischen Entfaltung geschildert. Das hätte zu weit geführt. Aber zu einer historischen Fragestellung will ich es hier wenigstens verwerten; Wenn irgend eivas einen moralischen Wert der Assimilationstheorie hätte beweism können, wären es nicht die Katastrophen der letzten drei Jahrzehnte gewesen? Und wenn irgendwie der Typus der Assimöaiten eine Rechtfertigung hätte erfahren können, hätte er sich liier nicht bewähren müssen? Kein besserer Prüfstein für efe ethische Befähigung einer Gemeinschaft als die 'Zeit der tiefsten Erniedrigung und Not. Keine bessere Gewähr für die Richtigkeit einer ideellen Entwicklung der Vergangenheit, als wenn die Produkte dieser Entwicklung, die Menschen der tiegenwart, dem Leide des Tages gewachsen sind. Die Gegenwart zeugt immer für die Vergangenheit. Daher kann die Prc&e auf das Exempel, das uns die Assimilation im 19. Jahrhundert vorgerechnet hat, nur in einer Frage bestehen: Wie reagiert der moderne Jude auf die schweren Tatsachen der Gegeiwart? Hier beginnt der Bankrott der Assimilation.* Uin es mit einem Satze zu kennzeichnen: der moderne Assinirationsjude reagiert auf die hundert wirtschaftlichen Katastrophe^ die über die Judenheit hereingebrochen sind, als auf hundöt einzelne Tatsachen. Ihm ist die Fähigkeit abhanden gekommen, in hundert Wiederholungen Tendenz und Symptom zu erblicken. Daß er vor zwei Menschenaltern einmal nur prättisch war und diese Praxis, tausendjährigen Idealen zum Trotz^ zum einzigen Fundament seiner geistigen Weiterentwicklung-gemacht hat, hat zur Folge gehabt, daß er heute den Blick Valoren hat, der über praktische Rücksichten hinausgeht und ein Historisches