Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1912-05-20 · Heft 2 (20.5.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 2 (20.5.1912)
Date
1912-05-20
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537602--2338-3540428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Jüdische Student 43 Jedenfalls werfen derartige Aeußerungen eäffi blitzartiges Licht auf die leisen Gewissensregungen der damaligen Judenheii Der geknebelte jüdische Stammesinstinkt lehnte sich auf gegen die. zersetzende Tätigkeit der Assimilation. Trotzdem ist <ter jüdische Geist in jenen Jahren nicht über solche instinktiven Aeußerungen hinausgekommen, wenn man nreiht das prophetische Werk eines .Einsamen ausnehmen w-1, wie „Rom und Jerusalem", die nationalmessianische Schrift des Kommunisten Moses Heß, die 1863 erschien und einen wahren Sturm der Entrüstung entfesselte, weil der Verfasser den Mut hatte, den Gedanken >der AJ.'iance zuende zu denken und statt des Surrogats für einen fehlenden Staat diesen Staat selbst für die Juden zu beanspruchen. Um diese unbewußten Regungen zu:n Bewußtsein und Lebenswillen zu erheben, war es zuvor nötig, daß die Assimüationstendenz einen Stoß erhielt, daß Verhältnisse, eintraten, an denen sich ihre moralische Impotenz erwies. Das jüdische Individuaütätsproblem mußte erst in seiner letzten, angsterregenden Konsequenz herausgearbeitet sein, ehe für eine neue jüdische Weltanschauung der Boden geebnet war. Dazu aber waren aridere Kräfte vonnöten als die geschichtliche Erkenntnis und der gute Wille Einzelner. Erst die brutale Gewalt einer Reihe entsetzlicher Katastrophen mußte einherfahren, damit sich an ihnen die Wurzeilosigkeit der modernen jüdischen Individualität in ihrer ganzen Morschheit erweisen konnte. Ich brauche hier diese Zeit der Katastrophen, die mit dem Jahre 1880 begann und auf deren Kulminationspunkt wir noch, immer nicht angelangt zu sein scheinen, nicht m schildern. Das Problem, das sie uns stellt, ist uralt So alt wie die Zerstreuung der Juden über die ganze Erde. Es ist eine falsche Auffassung zu glauben, daß erst die letzten Jahrzehnte es geschaffen haben. Es ist im Gegenteil das chronische Judenelend, das auch während des Jahrhunderts der Gleichberechtigung nie ganz aufgehört hat zu existieren, und das nur durch die-akuten Ereignisse der letzten Jahrzehnte an die Oberfläche geschleudert wurde. Es spiegelt sich in den Köpfen zunächst als wirtschaftliches Problem. Und ist es auch. Eine schauerliche .Hungerfrage, wie kein Volk sie je erlebt. Ich will es an diesem Orte nicht versuchen, das ganze Meer des Jammers auszuschöpfen, das über die Juden hereingebrochen ist. Das hieße ein Faß mit dem Fing-eihut leeren und ist eine ertötende Arbeit, eine langweilige Arbeit, sogar wenn man wüßte, daß auf dem Boden des Fasses eäsi wichtiges •Geheimnis zu finden ist. Sehen wir das chronische Elend und betrachten wir das akute als die letzte entsetzliche Potenz des chronischen. Es gibt ca. 12 Millionen Juden auf der Welt, davon allein sechs in Rußland,, eine in Galizien, 250 000 in Rumänien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.