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Der jüdische Student · 1912-05-20 · Heft 2 (20.5.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 2 (20.5.1912)
Date
1912-05-20
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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42 Der Jüdische Student ungläubiges Christentum einzutreten, war ihnen nur eine Bestätigung ihrer historischen Ergebnisse. So wurde schon ihnen •das Judentum zu einem schweren Problem und der Jude selbst als ethischer Charakter zu einem noch schwereren, indem sie angesichts seiner Halbheit und Farblosigkeit und des immer mehr um sich greifenden Abfalls, der nur die letzte Konsequenz war, mit Schrecken bemerkten, daß das westeuropäische Judentum mit Windesschnelle dem moralischen Bankrott entgegentrieb. Es war die Zeit der sechziger und siebziger Jahre, in denen solche Bedenken hervortraten und eine gewisse Reaktion hervorriefen, die von den Reformern als Neoorthodoxie und unklare Romantik bekämpft wurde. Diese Zeit scheint auch wirklich etwas Romantisches gehabt zu haben. Jedenfalls wurde damals viel geahnt und prophezeit, und in den liberalsten Kreisen kam es vor, daß man sozusagen vor Schrecken einen Schritt zurücktrat. Ein Zeichen jener leise sich regenden Reaktion gegen Rationalismus und Gleichmacherei, jenes Windhauches eines gesünderen jüdischen Bewußtseins, wandle damals (1860) in Paris erfolgte Gründung" der Alliance israelite universelle, äußerlich eine späte Folge jener entsetzlichen Blutanklage von Damaskus, die das westeuropäische Judentum sehr nervös ge- * macht hatte, innerlich aber eine Rückkehr zu dem alten Prinzip der Einheit alles Jüdischen. Als die Gründer den Wahlspruch der Alliance in dem alten Satze proklamierten : „Ganz Israel ist Bürge einer für den andern!u da war es in der Tat eine Auflehnung gegen die Grundsätze der Assimilation, die das Judentum in die zwei Lager des Ost- und Westjudentums gespalten hatte. Die Vertreter des Assimilationsprinzips fühlten auch sofort den Schlag, den ihre Theorie erhielt, und stimmten in ihren Zeitungen ein wahres Wutgeheul gegen die Proklamation der jüdischen Solidarität an. Es überlief sie kalt, als die bedeutenden Männer in Paris, an ihrer Spitze Cremieux, Josef Reinach, Baron Hirsch, damals vor den Ohren aller Welt Worte sprachen wie diese : Toutes les autres croyances importantes sont representees dans le monde par de nations, c'est-ä-dire s'incarnent dans des gouvernements, qui ont interet special et mission officielle de les representer et de parier pour elles; la nötre seule, .est depourvue de cet important avantage: eile ne represente ni un Etat, ni un territoire determine. „Alle anderen wichtigen Glaubensgemeinschaften sind in der Welt durch Nationen repräsentiert, d. h. sie inkarnieren ^sich in. Regierungen, die das besondere Interesse und die offizielle Mission haben, sie zu repräsentieren und für sie' einzutreten. Unsere Glaubensgemeinschaft allein entbehrt dieses wichtigen Vorteils: sie ist vveder durch einen Staat, noch durch . eine Gesellschaft, noch durch ein bestimmtes Territorium repräsentiert."

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