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Der jüdische Student · 1912-05-20 · Heft 2 (20.5.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 2 (20.5.1912)
Date
1912-05-20
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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40 Der Jüdische Student abschüssiger Bahn. Denn das ist das Zeichen für die Gesundheit einer Epoche, für die innere Kraft ihrer Ideen und Tendenzen, daß sie ganze Naturen zu schaffen vermag. Der moderne Assimiiationsjude ist eine Halbnatur. Somit ist er das Objekt eines Problems. Es gibt ein jüdisches Individualitätsproblem. Damit gibt es aber auch ein jüdisches Kulturproblem. Das Kulturproblem ist für die europäische Judenheit nichts anderes als das Individualitätsproblem von der anderen Seite gesehen. Während das Individualitätsproblem die Rückseite der Stickerei mit ihren einzelnen Stichen betrachtet, sieht das Kulturproblem die Stickerei von oben als ganzes Kunstwerk an. Es setzt das Individualitätsproblem als bestehend voraus und fragt nicht nach dem Juden, sondern nach dem Judentum und seinen ideellen historischen Werten. Es sieht die brachliegenden Kräfte und sucht nach der Losung, die sie zum Leben zu' erwecken vermag. Es sieht die Samenkörner auf dem Felsen und sucht die Scholle, auf der sie keimen könnten. Und so fragt es: Wir sehen, daß das Judentum in einer langen Epoche der Assimilation die kultivierende Kraft verloren hat, die Menschen erzieht und Vollnaturen formt. Wir wissen, daß das Judentum in seiner alten Gestalt diese Kraft gehabt hat. Wo liegt diese Kraft und was ist zu tun, um sie aus der Potenlialität zur Aktualität, aus dem Instinkt zum Bewußtsein zu erheben? Das ist das jüdische Kulturproblem, Es hat aber auch noch eine ethnologische Seite. Abgesehen von der kulturellen Neugründung des entwurzelten. Judentums, gilt es nämlich noch, eine Synthese zu schaffen zwischen den beiden diametralen Schichten der jüdischen Allgemeinheit, dem West- und Ostjudentum. Die Entwicklung des 19. Jahrhunderts hat es leider so mit sich gebracht, daß wir heute diesen beklagenswerten Unterschied machen müssen. Der westeuropäische Jude ist aus der talmudischen Kultur aus- und in die europäische Zivilisation eingetreten. .Das war nur eine Folge der -wirtschaftlichen Umwandlung, die ihn aus dem engen Kreise des Ghettos in die allgemeine Wirtschaft hinüberleitete. Daß er dabei moralische Verluste erlitten hat, indem er die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit mit seiner Eigenkultur erkaufte, ist sein Unglück, obgleich diese Eigenkultur eine stehen gebliebene war. Der osteuropäische Jude hingegen hat noch keinen Zutritt zur allgemeinen Wirtschaft und lebt daher unangetastet, aber auch unangekränkelt von der europäischen Zivilisation inmitten seiner alten Eigenkultur, die für ihn bei .aller Erstarrung doch die ganze ungebrochene Kraft einer geschlossenen Lebens- und Weltanschauung in sich birgt. Der Westjude schätzt nun notwendigerweise das, was er erlangt hat, um so höher, als er unbewußt fühlt, welche Opfer an idealen

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