Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 39 das Judentum zu seiner Zeit nicht die Stimme eines Kastraten gehabt, er wäre Jude geblieben. Diese Kastratenstimmen hört man noch heute. Der jüdische Assimilant, der Jude ist, sich Israelit nennt und „mosaischer Konfession" auf seinen Polizeischein schreite, der ist in der Tat, wie Heinrich Kleist sagen würde, eine „raiosaische Arbeit", was nichts mit Moses zu tun habe, sondern nur mit Mosaik. Er ist wirklich ein „Kompositum heterogener Gefühle", die höchstens durch den Kitt eines unklaren allgemeinen Menschentums zusammengehalten werden. Es ist sein Schicksal, daß die edelste Begeisterung in ihm einfach verpufft seine schönsten Gaben nicht zur Entfaltung kommen, sein wundervollster Idealismuselend zersplittert, weil ihm der zentrale Lebensnerv fehlt, und weil das einzige, was ihm zum Lebensnerv werden könnte, das Judentum, die Kraft verloren hat, alle Strahlen seines vielfach gebrochenen "Lebens zu sammeln. Das-Judentum, das einst seine Söhne zu harmonischen Naturen schaffen konnte, indem es ausfüllende Lebens- und Weltanschauung ffir sie war, ist in seiner äußerlich und innerlich" assimilierten Form heute kaum mehr als Synagogenlehre und KanzelweisheEl Das ist das Resultat einer hundertjährigen Assimilationsepoche. Damit habe ich gleichzeitig das angegeben, was ich im Anfang als das jüdische Individualitätsproblem bezeichnete. Es ist das eigentliche Problem des aufgeklärten deutschen Juden, wenn es auch von ihm selbst nicht als Problem» anerkannt wird. Er kommt sich nicht problematisch vor. Aber dennoch, wenn man beobachtet, wie es unter den Assimilaiönsjuden heute wohl eine große Zahl hervorragender Gelehrter, Politiker, Dichter, Künstler, aber kaum einen einzigen hervorragenden „Menschen" gibt, wenn man beobachtet, wie sich bei einer Fülle von Begabung und Fleiß doch in den freigesinntera jüdischen Kreisen nur so selten das findet, was man eime Persönlichkeit nennt, so ist das eine sehr traurige Bilanz eines Jahrhunderts freiheitlicher Entwicklung. Und wenn man die Tatsache erwägt, daß gerade die edelsten jüdischen Kreise, die materiell und damit auch ideell Bevorzugten, die doch eigentlich prädestiniert wären, Führer ihres Stammes zu sein, dem Judentum verloren gehen, ich meine hier nicht durch die Taufe, sondern dadurch, daß sie nicht Gelegenheit haben, siclu zu einer edlen volljüdischen und damit vollmenschlichen Spezies auszubilden, indem ihnen der Boden fehlt, auf dem sie wurzeln könnten, so ist das ein Problem, das all denen_.Angst einjagen muß, denen das Heil des Judentums am Herzen liegt. Eime Gemeinschaft, die so exponiert dasteht und so dem Hasse einer Welt ausgesetzt ist, wie die jüdische, braucht zu ihrer Existenz Naturen, die durch sie und in ihr leben, weben und sied. Vermag sie solche Typen nicht mehr zu schaffen, so wandelt sie eben auf