Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Der Jüdische Student 37 •eine Tatsache, die sich bereits bis in die Sozialdemokratie be- - -merkbar macht. Infolgedessen treiben diejenigen Berufsschichten,' die unter <ien Christen politisch außerordentlich interessiert sind, bei den Juden wenig Politik. Abgesehen von der Zeit der Wahlen, werden wir in den gebildeten jüdischen Kreisen selten politische 'Gespräche belauschen können. So erfolgt auch die Wahl der Parteien bei den Juden selten;aus der genaueren Kenntnis der Programme, sondern aus purem Gefühl. Durchaus nicht bloß aus nützlichen Erwägungen gehören sie zu den linksstehenden Parteien. Bei ihrer Anhängerschaft an die liberale Partei spielt bei den meisten noch ein gewisser Konservativismus mit, der zum jüdischen Stammescharakter gehört. Man ist politisch liberal, weil man noch immer gewohnt ist, im Liberalismus das alte Aufkläryngs- und Emanzipafionsideal wiederzufinden. Wie gesagt: intensive Politiker, die in politischen Idealen .aufgehen, gibt es nur wenige. Diese wenigen gehören zudem meist dem älteren Geschlechte an, das noch andere Zeiten sah. Da aber dieses Gebiet dem starken idealen Bedürfnis der Juden heute keine Befriedigung gewährt, so werfen sie sich notgedrungen auf die herrenlosen Güter in der Welt der Ideale, vor allem auf Kunst und Literatur. Der Arzt mit den schriftstellerischen Ambitionen, der Rechtsanwalt, der Kunstgespräche führt, der junge Kaufmann, der literarischem Zirkeln und dramatischen Vereinen angehört, sind spezifisch jüdische Typen geworden. Einen ideal veranlagten AAcnsehen nennt man in jüdischen Kreisen gern einen solchen, der außerhalb seines Berufes ideale Befriedigung sucht. Daß ein solcher Idealismus natürlich nicht zu geschlossenen Persönlichkeifen führt, ist schon deshalb klar, weil er nur rezeptiv, kein Streben, sondern nur ein Genießen ist. Das Premierenfoyer ist der Ort, wo der Idealismus der modernen jüdischen Assimilationskreise seine schönsten Stunden erlebt. Für den Unbefangenen muß sich bei diesen Erörterungen die Frage ergeben; Warum wandte sich der Befriedigung suchende Idealismus der Juden nicht spezifisch jüdischen Idealen zu? Woher kommt der bekannte Indifferentismus und die Indolenz der Assimilationsjuden inbezug auf jüdische Dinge? Die Frage ist umso berechtigter, als das Judentum durch Jahrtausende das ausfüllende Lebensideal von Millionen .war und hoch heute in den östlichen Ländern ist Die Urgroßväter waren in der Tat ganze und in sich geschlossene Naturen, was •die Enkel von sich nicht sagen können. Schon Heinrich Heine, -der-' Ueberläufer, hatte diese Empfindung, als er in seiner Schrift .über Polen die trotz ihrer drastischen Form erkenntnisreichen