Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Der Jüdiscne Student quenz, Halbheit, vor allem aber die praktischen Rücksichten studieren, von denen die jüdischen Reformatoren geleitet waren. Und man. lernt dabei, daß eine Reformation sich nicht mit äußeren Mitteln bewerkstelligen läßt, sondern aus der Glut revolutionärer Geister von innen heraus explodieren muß, und daß eine geistige Entwicklung von dreitausend Jahren eine stärkere Macht ist als eine hundertjährige Praxis, die auf materiellen Voraussetzungen und ebensolchen Zielen beruht. Die Wirkung der jüdischen Reformbewegung in Deutschland war für das Judentum moralisch dezimierend. Man hatte zu viel reformiert, zu viel assimiliert, zu viel niedergepflügt, als daß die schließlich resultierende Form des jüdischen Goitesdienstes und der jüdischen Lebens- und Weltanschauung religiösere und verfeinerte Gemüter befriedigen konnte; und man hatte andererseits zu wenig aufgegeben, als daß das Maß der durch die Staaten gewährten Gleichberechtigung ein volles Aequivalent für die gebrachten Opfer werden konnte. Man hatte zu viel gegeben und zu wenig erhalten. Die Spekulation war mißglückt. * * * •■ Man muß diese ganze Entwickelung, ihren ungeheuren Aufwand an Geist und Liebe — denn es war Geist und Liebe aufgewendet worden, das zeigt z.B. die stolze jüdische Wissenschaft, die man aus dem Reformzeitalter heraus begründen konnte (ich erinnere an Männer wie Zunz, Geiger und Steinschneider) — ich sage, man muß diesen Aufwand an Geist und Liebe , und gleichzeitig die ganze innere Erfolglosigkeit der Reform- und Assimilationsbestrebungen erfaßt haben, um der Analyse des modernen Juden folgen zu können, in die wir nunmehr eintreten. - Der moderne deutsche Assimilationsjude ist ein Kind der Reform. Er ist also aus der Halbheit geboren, und Halbheit charakterisiert ihn. Charakterisiert ihn umso sicherer, als seine bürgerliche Stellung auch nur eine halbe ist. Mit vorzüglichen Gaben und einem Ueberschuß an idealem Streben ausgestattet, ist er doch aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt und kann nicht zu einer geschlossenen Lebensanschauung gelangen. Da ihm, vor allem dem Gebildeten, die meisten Berufe verschlossen sind, muß die Wahl des Berufes bei ihm fast immer aus materiellen Gründen erfolgen. Infolgedessen ist sein Idealismus meist gezwungen, sich auf anderen Linien zu bewegen als seine Praxis. Selten verlegt sich dieser Idealismus auf das politische Leben, da die politische Lage der Juden kaum geeignet ist, seine idealen Bedürfnisse zu befriedigen, garnieht seinen Ehrgeiz. Die Parteien suchen ihn sogar möglichst abzuschüttein,