Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Uer Jüdische btudent 35" Christentum bis in die kleinlichsten Dinge hineingetrieben. Orgel, Katechismus, Konfirmation mit Glaubensbekenntnis war noch das mindeste. Es ging so weit, daß z. B. im Jahre 1836 die Kgi. Württembergische israelitische OberMrchenbehörde ein deutsches Choralgesangbuch mit Kirchenmrilodien herausgab. Aus den Gebetbüchern wurde alles gestrichen, was nur irgendwie jüdisch sfammestümtich "gefärbt war. Selbstverständlich fielen alle Gebete um Zion und Jerusalem. Und doch war alles nur halbe Arbeit. .Trotzdem man äußerlich bis zum Letzten ging, war man innerlich von entsetzlicher Inkonsequenz. Der jüdische Instinkt lehnte sich gegen die künstliche Umbildung des Judentums auf. Es war, als wenn der Genius Israels die Reformatoren mit ihrer Doktor Eisenbart- Kur verspottete. Wenn Heinrich Heine sich über die Neuen lustig machte, hörte man ihn spotten. Und wie ein Kobold spukte er in den Reformatoren selbst. Während sie auf der einen Seite alles zersetzen, bildeten sie auf der .andern Seite ganz im alten jüdischen Geiste eine Mission Israels aus, d. h. sie proklamierten die Existenz des jüdischen Volkes zum. Zwecke einer weltgeschichtlichen Aufgabe: der Verbreitung des . reinen ethischen Monotheismus. Isak Bernajs sprach diesen Gedanken im Jahre 1821 zum ersten Male aiss; seitdem ist er nie wieder geschwunden und wird heute von -allen liberalen Kanzeln aus gepredigt. Freilich ahnen diese Prediger nicht und achteten niemals darauf, daß die Mission Israels die Weiterexistenz Israels als eines Volkes involviere. Was den Reformatoren bei diesem Gedanken so in die Äugen stach, war erstens der kirchliche Name, und zweitens diie bequeme Thatsache, daß man von diesem Standpunkte aus die Zerstreuung Israels als providentiell ansehen konnte, indem es nunmehr unter den Völkern seine bekehrende Sendung hatte, Aber wiederum schlug der Genius Israels den Reformatoren ein Schnippchen. Instinktiv fühlten sie das Unjüdische, das in dem Begeiff der Bekehrung lag. So formten sie den Missionsgedanken in der Weise um, daß sie sagten: Israel solle ein stummer Zeuge für die Völker sei>n, d. h. ein Bekehrer ofcne Worte, ein Missionar mit nichts als schönen Augen. Bas Vorbild des Lebens sollte wirken. Damit wurde dem Missionsideal aber der ethische Grund entzogen. Es verlor die Nuance der Arbeit und resignierte sich zu einem Ideale des Wartens, einer Geschichtsphilosophie. Ich habe die Geschichte dieses Missiosesgedankens, der übrigens einen echt jüdischen, sogar biblischen Kern enthält (Jes., Kap. 53), hier lediglich deshalb auseinandergesetzt, weil seine Entstehung und Entwickelung symptomatisch ist für den Umwandelungsprozeß des westeuropäischen, speziell deutschen Judentums im 19- Jahrhundert. Man kann an ihm die Inkonse-