Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Der Jüdische Student Und schon darum ist es falsch, in jener Reform des Judentums, die von den Schülern Mendelssohns ausging, eine Reformation, eine Wiedergeburt des jüdischen Geistes zu erblicken. Eine Reformation geht niemals auf diagonalem Wege, eine Wiedergeburt ist kein Mittelweg, kein Kompromiß. Und so war es. Alle religiösen Neuschaffungen im Judentume des 19. Jahrhunderts geschahen in Form von geistigen Kompromissen. Das 19. JahrhOndert war für die westeuropäischen Juden ein Jahrhundert der Rücksicht, Und einer recht praktischen Rücksicht. Man wollte beweisen, daß man der Emanzipation würdig sei, indem man die Assimilation bis zur vollständigen Aufgabe der Eigenart führte. Die Trennung der Religion vom Stammestum in Israel, das war die Tendenz, in der diese falsch verstandene Assimilation betrieben wurde. Man glaubte die Betonung des israelitischen Stammestums als etwas wesentlichen nicht vereinbaren zu können mit den Pflichten, die man dem Staate, in den man nun endlich aufgenommen war, schuldete. Man setzte sich damit in den schärfsten Gegensatz zum altüberlieferten Judentum. Man leitete das Alte nicht in das Neue über, sondern schnitt den Faden ab. Nicht bloß der einzelne Jude assimilierte sich der Kultur seines neuen Vaterlandes, sondern man assimilierte das Judentum dem Christentum. Man erklärte es zu einer Konfession, obgleich der Gedanke einer confessio in kirchlichem Sinne allen jüdischen Traditionen ins Gesicht schlug. Das Wesen des Judentums bestand bis dahin und hatte ' immer bestanden in dem engen Zusammenhang zwischen Stammestum und Religion. Israel war das Volk Gottes. . Die jüdischen Ideen waren zwar weltreligiöse Ideen, aber das Judentum war niemals in dem Sinne Weltreligion wie das Christentum und daher niemals ihm zu vergleichen. Israel war einfach ein im tiefsten Grunde religionsschöpferischer Stamm. Israel, dem man auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Verkehrs den unproduktiven Zwischenhandel aufgezwungen hatte, auf dem Gebiete der Religion und Ethik war es stets produktiv und nur produktiv. Als Vermittler seiner Ideen hat es andere Religionen ausgesandt. Es konnte schöpferisch sein, weil ihm die Religion im Altertum Volkskultur war. . Und als es unter die Völker zerstreut wurde, war nicht die Verbreitung, sondern die innere Kultivierung der eigenen Religion seine Aufgabe. Die jüdische Reform hat diese Tatsachen, die durch eine tausendjährige Entwicklung bis in das Instinktleben der Juden eingedrungen waren, einfach verleugnet. Sie hat, was die äußere Umbildung der religiösen Formen, betrifft, ihre Arbeit mit der größten Konsequenz durchgeführt: Weit entfernt, sich mit einer Läuterung des Gottesdienstes zu begnügen, gegen die ja nichts einzuwenden war, hat sie die Assimilation an das