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Der jüdische Student · 1912-05-20 · Heft 2 (20.5.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 2 (20.5.1912)
Date
1912-05-20
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Der Jüdische Student 33 Gesellschaftsschichten ihre Emanzipation gefordert wurde und schließlich von der französischen Revolution durchgeführt. Das Verhängnisvolle der damaligen Entwicklung aber bestand darin, daß bei der Emanzipation der Juden in der scharfen Temperatur der damaligen Epoche die Uetagänge zu schnell erfolgten, und daß die wirkliche Stimmung der Völker für eine gewisse Zeit überholt wurde durch die schnellen IdeeBgänge und Konsequenzen der revolutionären Logik. Mit anderen Worten: Die erste Emanzipation der Juden, wiche in Frankreich stattfand, war eine Emanzipation aus rein logischer Konsequenz und nicht aus dem Wunsch und Willen der Massen heraus. Man emanzipierte die Juden, weil eine Nichüemanzipaüon einer Zerfetzung der Trikolore, einer Verhöhnung der großen Worte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gleichgekommen wäre. Der Rückschlag war unausbleiblich. Schosi unter Napoleon L traterein. Trotz seiner zeitweise judenfreundlidhen Oesinnung ist doch seine Art, die Judenfrage zu behandele entschieden als eine Reaktion zu betrachten. Napoleon halle Bedenken; Bedenken, die gerade in den Kräften wurzelten, die ihm am jüdischen Volke so bewunderungswürdig erschienen. Dem romantischen Tatmenschen imponierte die Zähigkeit dieses über die ganze Welt zerstreuten Stammes. Und gerade daissm erschien ihm seine Emanzipation zeitweise als unmöglich. Als er 1806 ein jüdisches Parlament zusammenberief, legte er ihm zwölf Fragen vor, die in versteckter Form die Bedingungen enthielten, unter denen er der vollständigen Gleichstellung der Juden zustimmen würde. Die wichtigste dieser Fragen war, ob das jüdische Gesetz die Mischehe erlaube. Es ist also klar, worauf er hinaus wollte; er wollte sich vergewissern, ob ein vollständiges Aufgehen der Juden utopisch sei oder nicht. Es ist das dieselbe Voraussetzung, unter der später der Minister Hardenberg an die Emanzipation der Juden in Preußen heranging, indem er hoffte und dieser Hoffnung auch Ausdrück gab, die Emanzipation würde eine glänzende Judenmission der Kirche bedeuten. Die Juden befanden sich in einer Zwitterstellung. Auf der einen Seite fühlten sie sich noch ganz als Juden vom alten Schlage, Mitglieder der israelitischen Nation, md nannten sich auch so. Auf der anderen Seite » sahen sie die Bedingungen und Voraussetzungen, unter denen man seitens der Staaten bereit war, ihnen entgegenzukommen. Man hatte süe ganz deutlich merken lassen, da{3 man mit ihrem Aufgehen rechnete. Nun denke man: aus dieser Zwitterstellung heraus erfolgte die ganze innere Entwicklung des westeuropäischen Judentums im 19. Jahrhundert; diese höchst zweifelhafte Lage ist die materielle Vorbedingung gewesen für die Weiterbildung und Umbildung der jüdischen Religion in der- Emamzipationsepoche. Man machte ein Risiko zum Grundpfeiler der Regeneration.

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