Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 2 (20.5.1912)
- Date
- 1912-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Problems, das wir als das einfache Lebensproblem des jüdischen- Volkes anzusehen gelernt haben und das uns nur durch das Prisma unseres sondernden Verstandes in drei Problemen gebrochen erscheint: . 1. im jüdischen Wirtschaftsproblem, 2. im jüdischen Kulturproblem, 3. im jüdischen Individualitätsproblem, Der Leser erwarte nicht von mir, daß ich die drei Probleme, die ich hier so einfach auseinander gelegt habe, ihm nun auch als einzelne Delikatessen vorsetzen werde. Die Mischung bedeutet hier alles. Das Interessante am Problem der jüdischen Moderne besteht eben in der Wechselwirkung der materiellen und ideellen Faktoren. Demnach ist nur ein Weg für uns der gegebene: der historische. Wenn man beachtet, daß im Judentum heute schon um die Problemstellung allein ein wütender Kampf entbrannt ist, so wird es klar, daß wir nur dann das jüdische Problem in seinen Tiefen erfassen können, wenn wir die Entwicklung auf das Problem hin erfaßt haben. Darum aber gibt es auch keinen glücklicheren Ort, die Probleme der jüdischen Gegenwart zu betrachten, als gerade Deutschland, wo die Judenheit während des 19. Jahrhunderts die vor allen anderen Ländern radikalste und bewußteste Entwicklung durchgemacht hat. Jedermann weiß, daß der Eintritt der Juden in die europäische Zivilisation am Ende des 18. Jahrhunderts erfolgte. Dieses Ereignis stellt sich noch heute in den Köpfen politisch- und religiös-liberaler Juden als eine große Reformation des gesamten Judentumes dar, als ein Erwachen Israels zu neuem geistigen Leben. Wir stehen nun keineswegs - auf dem Standpunkt, die materielle Bedeutung dieser Entwicklung zu unterschätzen, die infolge der damaligen Aufklärungs- und Humanitätsbestrebungen und unter dem Hochdruck der immer mehr sich geltend machenden revolutionären Gedanken notwendig eintreten mußte. Trotzdem ist vom innerjüdischen und kulturellen Standpunkte die Sache anders zu bewerten. Die Art und Form, in der die Juden ihre Emanzipation erstritten, die Tendenz, in der der Kampf um die volle Gleichberechtigung geführt wurde, war das leichsinnigste Va banque- Spiel, das die Weltgeschichte je gesehen hat. - Niemals hat ein Volk soviel auf eine Karte gesetzt, wie die Juden in der Emanzipationsepoche. Es ist völkerpsychologisch nur zu begreiflich. Am Ende eines tausendjährigen namenlosen Martyriums bot sich damals den Unterdrückten die Freiheit dar. Es war kein Wunder, daß es den Ghettomenschen wie eine Offenbarung vorkam, als zuerst von einzelnen Geistern, sodann von ganzen