Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1912)
- Date
- 1912-03-26
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537703--2271-3540393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
402 Der jüdische Student unglaublicher Skandal! Mitten in der Häuserfront der sehr belebten Straße ist gerade dieses Haus mit einem grellen Postkutschengelb — ich sage: Postkutschengelb — angestrichen! Unten verkauft irgend ein Moritz oder Isidor Kleider, die in Massen aushängen und mit Preisen bezeichnet sind. Oben steht groß der Name der Firma mit den Worten „größte Auswahl" und „billigste Preise"! Auch ein Kleidermännchen ist angemalt nebst der deutlichen Hausnummer; alles grinst schwarz aus dem knallgelben Anstrich heraus. Und mitten darin? Mitten darin schämt sich als bronzene Insel das Reliefbild Goethes, der im Jahre 1770/71 in diesem entstellten, fratzenhaft wirkenden Hause gewohnt hat. Der V. J. St. Straßburg hat seiner Empörung über diese erheiternde Notiz (welche die „Freistudentischen Blätter" aus dem Dezemberheft des „Türmers" übernommen haben) in einem Schreiben an das Präsidium der Freien Studentenschaft Luft gemacht. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: Straßburg i./E., 22. 1. 1912 Unseren Gruß zuvor! Einem verehrlichen Präsidium der Freien Studentenschaft beehrt sich der Unterfertigte folgendes geziemend mitzuteilen: No. 8 der „Freistudentischen Blätter" enthält ohne Kommentar einen Artikel aus dem „Türmer". Aus der Art der Veröffentlichung läßt sich schließen, daß sich die „Freistudentischen Blätter" mit der veröffentlichten Notiz identifizieren. Es findet sich dort folgender Passus : — es ist von dem Straßburger Goethehaus die Rede — „Unten verkauft irgend ein Moritz oder Isidor Kleider, die in Massen aushängen und mit Preisen bezeichnet sind. Oben steht groß der Name der Firma nebst den Worten, Größte Auswahl und billigste Preise". So instruktiv auch die in der Notiz angeführten Tatsachen für die Leser sein mögen, so interessant ist besonders für uns der Umstand, daß sich in der Freien Studentenschaft wieder einmal die schon oft beliebten antisemitischen Tendenzen breit machen, die in ihrer Stilart an den Radauantisemitismus der achtziger Jahre lebhaft erinnern. Das ist umso bemerkenswerter, als bekanntermaßen ein beträchtliches Kontingent der Freistudenten Juden sind. Offenbar ist man in der Freien Studentenschaft gewöhnt, den dort organisierten und selbst in leitenden Stellen sich befindenden Juden in einer derartigen Tonart zu begegnen, und die Juden selbst scheinen dies für durchaus angemessen zu halten. Wir dagegen — als jüdische Korporation — erachten es für selbstverständlich, gegen derartige öffentliche antisemitische Anpöbeleien energisch Front zu machen. Es wäre das Gegebene für uns gewesen, in Ihrem Blatte selbst für eine entsprechende Erwiderung um Raum zu bitten. Bei dem Niveau Ihres Organs verzichten wir natürlich. Wir werden uns darauf beschränken, in der Oeffentlichkeit diesen Vorgang zur Charakterisierung der Freien Studentenschaft gebührend zu beleuchten. Der Verein jüdischer Studenten im B.J. C. I. A. gez. A. Adler Am 24. Januar — also einige Tage nach Absendung dieses Briefes — machte uns der V. J. St. Straßburg von seinem Vor-