Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Der jüdische Student die Liebe ist, scheint ihm das Leben versagt zu haben. Und darum hat er sie nicht besungen. Denn jenes große Wort, das Taine über Alfred de Musset gesagt hat, gilt auch von ihm: „Celui-lä n'a jamais menti". Bialiks lyrische Bedeutung liegt in seinen Naturliedern. Seine Freude an der Natur kann er sogar in den „Liedern vom Ingrimm" nicht verstecken. (Ein Beispiel ist bereits erwähnt.) Läßt er dort ein Gewitter niedergehen, so rundet er mit Behagen das Bildchen: . . . „Die Wetterwolken ziehen auf. Noch schläft In ihrem Schoß der Donner, doch vor ihnen her Auf hohen Felsenzacken tanzt der Blitz." Wie hier gibt er in seinen Naturliedern jedem Ding in der Natur Leben und Seele, ja sogar etwas wie eine persönliche Geste. Da ist ein Gedicht von mehreren hundert Versen, „Der Waldsee". Tief versteckt im Waldesfrieden liegt der See und träumt „ein umgekehrtes Bild der Weltu. Wald und See erscheinen in diesem Idyll wie eine männliche und eine weibliche Seele von fast persönlicher Bestimmtheit. Ihren verschiedenen Regungen und dem Spiel ihrer Mienen geht der Dichter nach. Bemerkenswert ist dabei, wie er den geschlossenen Grundcharakter der beiden im Wechsel der Erscheinungen beharren bleiben läßt. Am sonnenhellen Morgen, wenn der Wald im Goldnetz der Sonne willig gefangen liegt wie Samson in Dalilas Armen In stiller Mondnacht, wenn über dem Wald ein Geheimnis steht. Von einer in alten Zeiten verzauberten Königstochter. Der alte Wald ist zum Hüter ihrer unschuldigen Jugend bestellt und wacht über jeden ihrer Atemzüge, bis einst der Prinz kommen und sie erlösen wird. Und der See träumt, daß der Prinz umsonst die Welt durchstreift, in Wälder irrt, in Wüsten und auf des A4eeres Grund die verlorene Königstochter sucht, die er — der See — in seinem stillen Herzen heimlich birgt. Und dann im Sturm. Mit welcher apathischen Ergebenheit der Wald sich anschickt, ihn zu empfangen, „zu jeder Strafe auf der Welt bereif'. Und wie dann der See (das hebräische Wort ist weiblich) noch tiefer seine Fischlein versteckt und ängstlich wird wie ein Kind, die Augen schließt und bei jedem Blitz mit den Lidern zuckt! Und endlich am Morgen nach dem Gewitter. Wie die milchfarbenen Nebel aufsteigen und sanfte Winde kommen. „Und wie Kindlein mit kleinen, süßen Zungen der Mutter Wange küssen, Lecken die Winde und streicheln sacht Dem Walde fort den Zorn der Nacht.. ." Von allen Jahreszeiten die liebste ist dem Dichter der Winter. Da ireut er sich morgens beim Erwachen wie ein Kind über die Eisblumen, die ihm die Morgengeisterlein (in der