Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 361 Eins ist hier zu betonen: Die Donnerstimme des Propheten verschlingt nie die feinen Molltöne des lyrischen Dichters. Wenn der Prophet (in dem Gedicht „Das ist die größte Gottesgeißel!") die Sklavenseele seines Volkes peitscht und ihm sein Hinsiechen und sein inneres Verarmen kündet, dann vergißt der Dichter bei der Schilderung des verödeten Hauses vor dem zerfallenen Herd das Kätzchen nicht, das in der kalten Asche leise weint. Die Verschmelzung stahlharter Kraft, Herbheit, ja Grausamkeit mit zartester Innigkeit scheint mir das Bedeutsamste der dichterischen Eigenart Bialiks. Diese Synthese hat sich erst in den Pogrom-Jahren vollzogen. Im Anfang war er nur der zarte, verträumte Lyriker. Erst das Ergebnis der Pogrome hat den Propheten in ihm geweckt. (Beiläufig bemerkt, es gibt wohl kaum noch einen Baum im lyrischen Dichterwald, den man so stetig wachsen sehen kann. Bei Bialik läßt die Qualität eines Gedichtes fast stets das Alter erkennen.) In den älteren nationalen Liedern hört man ihn weinen. Freilich jenes Weinen, von dem einmal gesagt wurde, daß es nicht Flennen und Heulen sei, sondern eine der ernsthaftesten Angelegenheiten der Menschen. Aber sein Weinen löst nicht. Er sagt es selbst in dem Gedicht „Nachtgedanken". „Ich weiß, mein Weinen ist der Eule Weinen im Gemäuer. Zu Menschen dringt es nicht, die Herzen bricht es nicht . . . .... Es starb den alten Tiänen. die man tausend Jahre weint, Die Kraft, zu schmelzen Herzen, die versteint." — Heine nannte einmal das Judentum eine Krankheit, und er litt daran. Bialiks Herz ist mit dem tausendjährigen Leid seines Volkes so organisch verwachsen, daß es dabei kerngesund sein und von Grund auf lachen kann. Dies zeigen seine rein persönlichen Stimmungs- und Naturlieder, die den nationalen nicht nachstehen. Hier läßt sich seine Art nicht deutlicher zeichnen, als durch den Gegensatz zu Heine. So krank, zerrissen, kompliziert, kapriziös und verliebt die Muse Heines oft ist, so gesund, konzentriert, einfach und klar ist die Bialiks. Verliebtheit und — Liebe fehlen diesem Lyriker fast ganz. Bialik kennt nur die heiße Leidenschaft der Sinne, die eher mit einem Haß als mit Liebe der Geschlechter einhergeht, die den Ernüchterten bereuen läßt: „Ach, welchen Preis gab ich um deinen Leib!" Und die keusche Neigung der Seelen! Sein innigstes „Liebes"lied liest sich fast wie ein Gebet Sei mir Mutter, sei mir Schwester! bittet er die Geliebte und er fragt sie: Sie sagen, Liebe gibt es auf der Welt, Sag mir, was ist das: Liebe?44 Die Verschmelzung des gattungsmäßigen Sinnentriebs mit der individuellen seelischen Innigkeit zu jener Einheit, welche