Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537702--2223-3540344- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Student 359 Wenn dann der Zeiten Ring sich schließt, Und noch die Lügensonne falschen Rechts Ob euren Gräbern gleißend steht, Der Heuchler Fahne, rot gefärbt von eurem Blut, Sie frech zum Himmel bläht Und das gefälschte Siegel Gottes drauf Der Sonn' ins Auge sticht — Und wenn der hohnvoll tolle Tanz auf euren Gräbern Und. die Fanfaren, die zum Fest der Lüge schmetternd laden, Erschüttern Eure heiligen Gebeine — Dann wird des Himmels Glanz erzittern Durch euer Leid und jählings dunkeln. Die Sonne wandelt sich zum Flecken eures reinen Bluts: Ein Kainszeichen auf der Stirn der Welt Und ein Symbol der Ohnmacht der zerbrochnen Gotteshand. Und Sterne flüstern's bang einander zu : Seht die gewaltige Lüge! Seht das große Leid! Und dann : ins Herz getroffen, steht der Gott der Rache auf, Und brüllend bricht er aus den Wolken vor Und seine Rechte hält sein großes Schlachtenschwert ....*' Das inhaltlich wie schon an Umfang — es hat mehr als hundert Reimpaare — bedeutendste Gedicht „In der Stadt des Mordens'4 behandelt den berüchtigten Pogrom in K i s c h i n e w. Unsere Naturalisten könnten aus diesem Gedicht lernen, wie realistische Treue sich mit ästhetischen Forderungen vereinigen läßt, wenn ein Dichter den Stoff angreift, und sei dieser noch so heikel. Die paar hundert Verse enthalten keine epische Darstellung des Pogroms, wie er sich in seiner viehischen, widerwärtigen Gräßlichkeit abspielt, sondern eine Vision des Dichterpropheten: Nach dem Pogrom. Bialik hat sozusagen den ganzen Text lyrisch durchkomponiert. Eine göttliche Stimme treibt den Propheten in die Stadt des Mordens, führt ihn an einzelnen Stätten herum und zeigt ihm Spuren des Geschehenen. Aber auch die Spuren photographiert Bialik nicht, sondern malt sie, Bild an Bild reihend, in einer Weise, daß selbst Lessing seine Freude daran haben würde, Und bleibt dabei immer gleich schön und wahrhaft auch im Detail. So, wenn er zum Propheten sagt, dessen Fuß über brandgeschwärzte Häusertrümmer, durch aufgerissene Betten, über Scherben, zerrssiene Bücher und Pergamentrollen vorwärts zur Straße tastet: „Und die Akazien vor dir sind ausgeschlagen, Und Daunen decken ihre Blüten halb und ihr Geruch Ist wie von Blut. Doch dir zum Trotz bringt auch Ihr Duften in dein Herz des Frühlings Hauch Und tut dir wohl . . . ... Denn an einem Tag Hat Oott gesandt den Frühling und das Morden." Nur einiges sei aus dem Inhalt wiedergegeben. In den dunklen Winkeln unter den Dächern zusammengekauert hocken die Geister der Getöteten. Sie können keine Ruhe finden, und