Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Der jüdische Student Halevis nie ganz gestorben ist. Daß sie seit wenigen Jahren in den jüdischen Kolonien Palästinas wieder eine lebende Volkssprache geworden ist und daß ihre Literatur in Ost- Europa in den letzten Jahrzehnten eine neue Blüte treibt, sei hier gleichfalls nur erwähnt. Näher darauf einzugehen ist zum Verständnis des Dichters Chaim Nachman B i a 1 i k nicht erforderlich. Denn die zeitgenössische hebräische Literatur dient ihm ebenfalls zur Resonanz. Hervorgegangen ist er nicht aus ihr. Er schöpft ganz aus Eigenem und seine unterirdischen Wurzeln greifen über Raum und Zeit hinweg und trinken an den Quellen der Propheten Jesajah und Ezechiel. Bei Bialik finden wir die stahlharte, keusche, marmorglänzende Sprache, die kühnen und originellen Bilder, den leidenschaftlichen Ingrimm der Propheten wieder. Und doch trennt ihn von jenen die ganze Kluft mehrtausendjähriger Kulturentwicklung. Ist dort die Tendenz die Hauptsache, die künstlerische Schönheit das Akzidentelle, fast Ungewollte, so steht hier das Künstlerische immer mit Vorbedacht, oft mit der leisen Koketterie, die man Frauen und Dichtern gern nachsieht. Denn Bialik ist nichts mehr als Künstler und nichts weniger als Tendenzdichter. Seine Poesie ist zum großen Teil nationalen Inhalts. Für die Stärke seines nationalen Empfindens und für die innige Verschmelzung des nationalen Erlebens mit dem persönlichen ist es charakteristisch, daß man in vielen seiner Gedichte zuweilen kaum unterscheiden kann, wo das eine aufhört und das andere beginnt (Klausner). Dies gilt vor allem von dem Zyklus der „Lieder vom Ingrimm". Diese Lieder sind in den Jahren 1902 bis 1905 unter dem frischen Eindruck der blutigen Judenpogrome geschrieben, die der Dichter zum Teil als Augenzeuge miterlebt hat. Eins mag hier in ziemlich getreuer Uebersetzung stehen: „Ich weiß, in wolkendunkler Nacht, Werde ich einst wie ein Stern verlöschen, Und keiner kennt mein Grab. Aber wie ein Krater, wenn seine Flammen erloschen, Wird nach mir noch rauchen mein Zorn. Leben wird er bei euch, so lange noch rollen die Donner, Und noch im Ozean brandend zerbricht Die Wut der Wogen. Ach, daß ich doch auch euer Leid Einsammelnd bergen könnte in den Schoß des Weltalls! Dann tränken draus des Himmels und der Erde Fluren, Und es ginge in Blumen und Sterne ein, In ihnen lebte es und triebe, Verginge und erglänzte neu, verdorrte und erblühte wieder. Und ob gleich namenlos, gestaltlos und urheimatlos, Es wäre da, ein Zeuge eures Mordes noch dem letzten Enkel, Und ohne Worte, ohne Stimme Schrie es zur Hölle und zum Himmel Und scheuchte die Erlösung, nahte sie der Welt.