Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 357 Hingabe an den Grund unseres Lebens, an die Einheit der Substanz in uns, die so einig und einzig ist, wie der einige und einzige Gott, den die Juden damals aus ihrer Sehnsucht nach Einheit hinaufgehoben haben an den Himmel ihres Daseins und ihrer Zukunft. Als ich ein Kind war, las ich eine alte jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sie erzählte nichts weiter als dies: „Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias." Damals kam ich zu einem alten Manne und fragte ihn: „Worauf wartet er?" Und der alte Mann antwortete mir etwas, was ich damals nicht verstand und erst viel später verstehen gelernt habe; er sagte: „Auf dich." Chaim Nachman Bialik Von Assessor Dr. J. G o 111 i e b (Frankfurt a. M.) V. J. St. Königsberg A. H. Vor dem Dichter hat der Musiker unter anderen dies voraus, daß er auch über die Grenzen der Sprachgemeinschaft hinaus unmittelbar das Ohr aller derer besitzt, denen er etwas zu sagen hat. Uebersetzungen hat man mit umgekehrten Teppichen verglichen. Das Muster bleibt kenntlich, aber der Farbenglanz geht verloren. Dieser Vergleich paßt nicht nur auf schlechte Uebertragungen. Was weiß man von Homer, wenn man nur die deutschen Hexameter des guten alten V o ß kennt, was von Jesajah und den Psalmen, wenn man nur die Luther-Bibel gelesen hat? Der Geist der hebräischen Poesie insbesondere ist trotz Herders liebevoller Schrift dieses Namens in Deutschland wie anderwärts noch herzlich wenig gekannt. Darum wird die Kunde vielleicht mehr Sensation als Verständnis wecken, daß im Süden Rußlands in unseren Tagen ein hebräischer lyrischer Dichter erstanden ist, dessen Schöpfungen bleiben werden. Man darf sich in der Tat darüber wundern, daß heute noch die hebräische Muse lebendige Kinder zur Welt bringt, zu einer Zeit, da z. B. die liberale Frankfurter Judengemeinde ein deutsches Gebetbuch einführt, weil die alten hebräischen Gebete von den Gläubigen nicht mehr verstanden werden. Doch die Geschichte der Juden ist voll anormalen Geschehens, und es scheint fast, als hätte auch die Natur für sie Ausnahmegesetze geschaffen und jene Beziehung aufgehoben, die wir zwischen zeitlichem Nebeneinander zu sehen gewohnt sind. Hier genüge die Feststellung, daß die hebräische Sprache als Literatursprache seit den Tagen Jehuda