Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Der jüdische Student Erstchargierte eröffnet mit dem Kaisersalamander, dann steigt als erstes allgemeines Lied das ewig-junge: Ergo bibamus. Der Erstchargierte begrüßt die Gäste, das Präsidium, die Kartellvereine; einen vergißt er und nicht den schlechtesten; es sind ihm wohl zu viele geworden, aber wir werden noch weitere gründen. Ein Straßburger Alter Herr hält die Tendenzrede, führt Gästen und Bundesbrüdern die Bedeutung des B.J. C für die Entwicklung der Individualität des einzelnen und für die Gesamtheit des deutschen Judentums vor. Danach ertönt das Bundeslied und erfüllt alle mit erneuter Begeisterung für die blau-weiß-gelbe Fahne. Ein anderer Alter Herr von Straßburg spricht besonders zu den elsässischen Juden. Er zeigt, wie der V.J. St. Straßburg es als erster eingesehen hat, daß den elsässischen Juden das Heil von Osten, vom starken deutschen Judentum, und nicht von Westen, vom schwachen, schon gänzlich assimilierten französischen Judentum komme. Danach wird das Bundeslied der Makkabäa gesungen mit dem Gelübde, als Männer wie als Jünglinge treu für Judas Ehre einzustehen. Die Vertreter der Organisationen, die das Wort ergreifen, haben die Bedeutung des B. J. C. und insbesondere des V.J. St. Straßburg für das elsässische Judentum erkannt. Ein Universitätsprofessor spricht für die Bne-Brith-Loge, die zionistische Vereinigung und die Hochschullehrer; seine Rede und Person zeigt, daß die alten und neuen Ideale des Judentums mit Liebe zu unserem deutschen Vaterlande sich völlig vereinen lassen. Eine geistreiche Bierrede eines anwesenden bekannten jüdischen Dichters, die die Wissenschaften aller Fakultäten durcheinanderwirbeln läßt, leitet zur Fidelitas über. Der berühmte „lange4' Alte Herr, der Kneipwart par excellence, übernimmt das Präsidium. Nun werden alle die lustigen Studentenlieder gesungen von Kneipen, Waffengängen und dem Liebchen in der Ferne. Den Alten Herren sieigen die Erinnerungen auf an die Zeiten, wo sie noch als Füxe oder Burschen an der Kneiptafel sitzen konnten, und mit echter Wehmut singen sie das nur von ihnen recht gewürdigte: „O jerum jerum jerum, o quae mutatio rerum." Zwischen den Liedern gibt es Solovorträge. Eine Hobelbank bringt Bilder, die ebenso kühn sind wie die dazu gesungenen Verse, und voll Begeisterung singt die ganze Korona: ,,0 du schönes, o du schönes, o du schönes Bild an der Wand." Dann wird eine Partie auf schwere Säbel ausgetragen — mit geistigen Waffen. Ein Alter Herr fordert den anwesenden Dichter zum Dichterduell heraus, ein anderer produziert sich als Bauchredner. Unter der Decke des Saales singt Caruso Chanukahlieder. So geht es in dauernder Abwechselung bis zwei Uhr nachts, doch „wenn sich der Schwärm verlaufen hat, um die mitternächtige Stunde, so findet unter den Edleren statt eine würdige Tafelrunde." Wie lange? Ich verrate es nicht.