Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537702--2215-3540336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Student 351 schaftlich nahe. Es bilden sich kleine und größere Gruppen, die zusammen essen, durch die Straßen wandern — aber immer treffen alle wieder zusammen in den offiziellen Lokalen, um sich nächtlicher Weile wieder zu trennen und — weiter zu gehen; die Unermüdlichen sind wieder hungrig geworden und die Kenner der Lokalitäten führen sie weiter; endlich finden auch diese den Weg nach Hause, aber lange schlafen, das gibt es in den Tagen des Kartelltags nicht. Um 10 Uhr beginnen die Verhandlungen. Auf dem erhöhten Podium sitzt das hohe Präsidium; unten an einem langen Tische die fixen Stenographen; an der Längstafel die Delegierten der Vereine, Bezirksverbände und Alt-Herrenbünde; ringsumher an kleinen Tischen die übrigen Bundesbrüder als Gäste. Das Präsidium gibt einen Generalbericht, die Ressortvertreter berichten über ihr Ressort, die Delegierten über Vereine und Verbände. Der B. J. C. ist gewachsen im letzten Jahre, innerlich und äußerlich; das hören wir überall heraus. Die Tendenz wird gefestigt; das geistige Leben wird intensiver, die studentische Fröhlichkeit ist stark wie stets. Der V. J. St. Heidelberg wird als jüngstes Kind des B.J. C. mit Jubel begrüßt. Die Verhandlungen sind ruhig und sachlich. Und doch spricht aus jeder Rede der Idealismus, den nur ein große Idee erzeugen kann. Ueber wichtige Fragen des B. J. C. und des allgemeinen Judentums, soweit sie den B. J. C. betreffen, wird lange und eingehend debattiert; neue Vorschläge werden mit Freude aufgenommen. Ich freue mich, wie so mancher der Jüngeren sich „entwickelt" hat, über seinen Eifer und die Begeisterung für die Sache. Ich weiß es schon am ersten Tage: auch dieser Karteiltag wird dazu beitragen, uns ein gutes Stück vorwärts zu bringen. Vier Tage lang wird beraten mit nur kurzen Unterbrechungen; zweimal sogar bis in die Nacht hinein. Und als ein für einen Ausflug reservierter Vormittag verregnet, wird auch da nicht gefeiert. Auch das heitere Element ist zu seinem Recht gekommen; als der Kartelltag geschlossen ist, steigt ein Bundesbruder auf das Podium und verliest die Stilblüten, die der Kartelltag gezeitigt; es sind an zwei Dutzend: „Die Tatsache ist erfreulich, aber sie ist nun einmal so." „Ich bitte den Bundesbruder G., sich zu setzen, da ich auf seine Ohren ein besonderes Gewicht lege" . . . usw. An einem Abend ist Festkommers im schönen Kaiser- Friedrich-Saal des Sängerhauses. An langen Tafeln sitzen die Bundesbrüder und Gäste; sämtliche jüdischen Organisationen Straßburgs sind vertreten; ebenso die Gemeinde und das Konsistorium für das Unter-Elsaß. Am Quertische sitzen die Chargierten im Vollwichs, ein farbenprächtiges Bild. Der Straßburger