Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 353 Am letzten Abend des Kartelltags ist Ball im „Roten Haus". Vom Podium herab betrachten wir das wunderbare Bild. Ich weiß, daß die Straßburger ihren Damen dies zum Lesen geben werden, ich muß darum über Schönheit und Geschmack der Damen schweigen; die Bundesbrüder werden wohl auf dem Balle ihren Damen genug darüber gesagt haben. Während der Tanzpausen sitzt man im gemütlichen Nebensaal. Um Mitternacht wird ein Cabaret improvisiert, ein Dutzend Bundesbrüder betätigen sich künstlerisch; es wird gesungen, gemimt, rezitiert, gedichtet, bauchgeredet, bis das Dacapo der Zuschauer von den Walzermelodien übertönt wird. Als Damenspende gibt es drei Gravüren nach Werken unseres A. H. h. c. Hermann Struck. Bis in den Morgen hinein ianzt die unermüdliche Jugend. Als der Morgen graut, nimmt man Abschied von den Bundesbrüdern, die am Tage heim wollen, aber weil die Trennung so schwer fällt, geht es noch ins Cafe. Der verschlafene Kellner weiß nicht, wie ihm geschieht; bald sind seine Vorräte erschöpft. Vormittags nach kurzem Schlafe will ich ins Gebirge, um zu rodeln; aber es regnet fort und fort, und so schlafe ich weiter. Als ich aufwache und zum Essen gehe, gibt es kein Essen mehr; ich muß Kaffee trinken. Es ist die Zeit dazu. Noch immer ist eine stattliche Korona znsammen, die sich nicht trennen kann und wieder geht es ans Abschiednehmen. Erst am zweiten Tag ist so ziemlich alles wieder fort und zum letzten Mal heißt es: auf Wiedersehen im Lauf des Jahres in den Kartellvereinen, bei großen jüdischen Tagungen, im Sommer an der See und im Gebirge, und auf dem nächsten Kartelltag am schönen Rhein in Bonn. Mit neuer Arbeitslust und dem sicheren Bewußtsein des Sieges unserer Idee fahre ich meiner Heimatstadt entgegen. Das Judentum und die Juden*) Von Martin Buber Die Gewalten, aus deren Wirkung sich das Menschenleben; Wesen und Geschick aufbaut, sind Innerlichkeit und Umwelt, die Disposition, Eindrücke zu verarbeiten, und das eindringende *) Ein Bruchstück aus der ersten von Martin B u b e r s „Drei Reden über das Judentum" (Verlag Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M., Preis geh. 2.—, geb. 3.— Mark). Es ist hier abgedruckt, weil es eine gute Vorstellung von dem vermittelt, was auch wir V.J.St.-erunter einem „lebendigen Judentum" verstehen — nämlich ein Judentum, das seine Vergangenheit liebt, weil es seiner Zukunft sicher und froh ist, das sich