Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Der jüdische Student Der XI. Kartelltag des Bundes Jüdischer Corporationen in Straßburg (Dezember 1911) Eindrücke eines Alten Herrn Von Dr. Albert B a e r (V. J. St. Straßburg A. H.), Stettin Zum dritten Mal bin ich i#n S t r a ß b u r g, seitdem ich als viertes Semester dort einen wunderschönen, unvergeßlichen Sommer erlebte. Schön und unvergeßlich durch das Leben in der Korporation, durch den Aufenthalt in der Stadt und die Wanderfahrten in die Umgebung, Schwarzwald und Vogesen. „O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt" heißt es im Lied. Und mit Recht. Wieder wandle ich durch die Straßen und überzeuge mich von neuem davon. Ich stehe auf dem Kaiserplatze und blicke die Kaiserstraße hinunter zur Universität; entdecke neue Schönheiten am berühmten Münster und suche wieder die Gestalt der „trauernden Jungfrau" auf, die an gebrochenem Stabe dasteht: die Synagoge; erfreue mich an den prachtvollen Renaissancehäusern, die ringsumher stehen mit den schönen geschnitzten Figuren und den kernigen Sprüchen; gehe wieder einmal durch das in einem früheren Schlosse untergebrachte Museum zu van Dyks Studienkopf, Rembrandts Greisenbildnis und dem phantastischen Altarbilde von Hans Memling. In der Altstadt suche ich die alten Fachwerkhäuser auf und das .Goethehaus, auf dem die allzukleine Plakette mit dem Bildnis des Dichters unter dem grell-gelben Anstrich des Hauses, der für ein Geschäft Reklame machen soll, kaum zu finden ist. Ich gehe wieder auf dem Broglie-Platz umher, soweit der Weihnachtsmarkt es gestattet; im Sommer saßen wir draußen auf dem Platz vor unserem Verkehrscafe, bis es Zeit war — in die Orangerie zu gehen. Jetzt im Winter sitzt man in den engen, aber behaglichen Räumen des Cafes beim Nachmittagskaffee und zum Frühschoppen. Gleich von der Bahn aus muß ich hin. Eine stattliche Korona von Bundesbrüdern ist versammelt; noch stattlicher als zu Beginn des Semesters, wenn die Freiburger zur Antrittskneipe kommen und jetzt auch die Heidelberger. Die anderen Korporationen sind immer erstaunt über die jüdische Invasion. Nun sind über hundert Bundesbrüder in Straßburg anwesend, und ich begrüße die Altbekannten: die Stammgäste der Kartelltage, die Studiengenossen aus diesem oder jenem Semester, „Berühmtheiten", bei denen man fragt „ach, bist Du der . . ." An eine große Anzahl neuer Gesichter muß man sich langsam gewöhnen; aber bald kenne ich sie alle; das bundesbrüderliche „Du" verbindet uns vom ersten Augenblick an wie eine große Familie trotz der verschiedenen Individualität jedes einzelnen. Diesem und jenem komme ich besonders freund-