Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537702--2212-3540333- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
348 Der jüdische Student Wir haben bereits die Gründe dafür angedeutet, daß ein solcher Kräfteverlust im Judentum eintreten konnte. Das letzte Jahrhundert jüdischer Geschichte war ein Zeitalter der Assimilation. Seine Arbeit bestand nicht im Bauen, sondern im Nivellieren, im Niederreißen alles dessen, was der fremden Umgebung nicht zu entsprechen schien. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, des weiteren die Ursachen und Erscheinungsformen dieser Abwärtsentwicklung zu ergründen. Wir haben an dieser Stelle nur ihre Wirkung im Auge; die bestand im Eintreten einer allgemeinen geistigen Arbeitslosigkeit. Zur Errichtung eines Gebäudes bedarf es eines Heeres von Handwerkern mannigfachster Art — zum Niederreißen genügen wenige Abbruchsarbeiter. Die religiöse Reform, der Kampf für die Emanzipation und gegen den Antisemitismus waren das Werk einiger Weniger. Der großen Masse der Intelligenten bot sich kein jüdisches Arbeitsfeld mehr. Das Judentum, seines nationalen Inhalts beraubt, verlor mit ihm seine durch Jahrtausende betätigte zusammenhaltende Kraft. Ein Teil dieser Arbeitslosen trat in den Dienst des deutschen Nationalismus und glaubte hier sein Auskommen finden zu können, bis ihnen der Antisemitismus zu verstehen gab, daß man ihrer nicht mehr bedürfe. Die übrigen machten sich von vornherein von jeder nationalen Bindung frei und ergaben sich einem schrankenlosen Kosmopolitismus. Sie wollten Menschen sein, freie Weltbürger, deren Schaffensdrang der unbegrenzten Allgemeinheit galt. Sie mußten Schiffbruch erleiden, einfach deswegen, weil die Kräfte des Individuums einzig und allein auf dem Wege über das Volkstum der Allgemeinheit zugeführt werden können, weil nicht die Einzelnen, sondern die geschlossenen Volkskörper die Faktoren darstellen, aus denen sich unsere Weltkultur zusammensetzt. Weil unsere jüdischen Weltbürger diese Wahrheit verkannten, waren sie zum Schaffen unfähig, konnte ihre geistige Betätigung nicht im Produzieren, sondern lediglich m Genießen bestehen. Was im letzten Jahrhundert von Juden wie Heinrich Heine, Marx, Lassalle an Werten erzeugt wurde, schufen sie als unbewußte Träger des jüdischen Volksgeistes. Da sich das Westjudentum von ihm abwandte, verdammte es sich selbst zur Unfruchtbarkeit. Wer kein Ziel mehr vor sich sieht, verübt Selbstmord, wie Jakobowski's „Werther der Jude",