Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 347 soll er verstehen lernen, daß diese Würde erst der Wert verleiht. Wert aber wird nicht durch eigene Schätzung erworben, sondern nach dem Grade bemessen, in dem der Einzelne sich leistungsfähig in den Dienst einer Gesamtheit zu stellen vermag. Die Gemeinschaft, für die der jüdische Student arbeiten soll, kann nur eine jüdische sein. In dem großen Kampfe um die Menschheitsideale wird er sich an den Platz stellen, wo man der Kämpfer am dringendsten bedarf und darum jeder neue Mitstreiter am höchsten bewertet wird. Der christliche Freistudent mag mitarbeiten an der Lösung allgemeiner sozialer, philosophischer oder künstlerischer Probleme. Der Platz des jüdischen Studenten ist in der Reihe derer, die den heißen, aber ehrenvollen und siegverheißenden Kampf um die Erhaltung und Neubelebung ihres Volkes ausfechten. Freiheit, Persönlichkeit — diese Ideale, denen wir alle nachstreben, findet der jüdische Student nicht im uferlosen Meere der Allgemeinbildung, nicht im zwanglosen Sichausleben. Die Korporation, die jüdische Korporation wird ihm Wert und Würde geben, wird ihn zu Höchstleistungen im Kampfe um Menschheitsziele befähigen. Es will uns fast scheinen, als ob wir in unsern bisherigen Ausführungen das Verhältnis zwischen Korporation und Individium zu einseitig vom Standpunkte des letzteren betrachtet haben; wir haben nur die Frage beantwortet: was ist die jüdische Korporation für den Einzelnen? Nun, das war schon zwischen den Zeilen zu lesen, daß wir mit der Beantwortung dieser Frage die Aufgabe einer jüdischen Verbindung nicht erschöpfend gekennzeichnet haben wollen. Wir sind zu ehrlich, um dem unerfahrenen ersten Semester zu erzählen, wir seien einzig und allein dazu da, ihn zu einer geschlossenen Persönlichkeit zu verhelfen, oder ihm prompte Lieferung einer einheitlichen Weltanschauung zu versprechen. Wohl wäre diese Erziehungsaufgabe als Selbstzweck genommen schon ein Ziel, des Schweißes der Edlen wert. Wir aber gehen über das Ziel hinaus. Wir gestehen frei: wir leisten unsere Erziehungsarbeit nicht um ihrer selbst willen, sondern erblicken in ihr geradezu eine jüdischefcKulturaufgabe. Wir treten ein für ein lebendiges Judentum; ihm wollen wir die Kräfte zuführen, die ihm verloren gegangen sind, die Kräfte, die jetzt brach liegen oder sich nutzlos zersplittern