Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Der jüdische Student Und nun der jüdische Student. Wo sein deutscher Kommilitone sich stolz als Erbe einer Vergangenheit fühlt, muß er den größten Teil seiner Energie — und es fehlt ihm wahrlich nicht an edlen Kräften! — dazu verwenden, sich mühsam einen Standpunkt in dem ihn umgebenden Getriebe zu erringen. Wo der Andere sich als jüngstes Glied einer uralten Kette empfindet, sieht e r sich vergebens nach Traditionen um, an die er anknüpfen könnte. Denn wenn jener, bewußt oder unbewußt, in der Geschichte seines Volkes wurzelt, strebt der Jude, gleichfalls bewußt oder unbewußt, mit aller Kraft danach, die Bande zu lösen, die ihn an sein, an das jüdische Volkstum fesseln. Wo aber soll er den Maßstab zur Beurteilung des Lebens finden? Gezwungen, über alles und jedes sich seine Ansicht aus seinem ureigenen, von aller Tradition gelösten Ich heraus zu bilden, muß er notwendig zu einer völlig einseitigen Ausbildung und Überschätzung seiner selbst gelangen. Auf der Suche nach seiner Weltanschauung durchwandert er alle Gebiete moderner Kultur und muß doch auf dem endlosen Wege zusammenbrechen, will er alles sehen und erfassen, und muß sich am Ende gestehen, „daß wir so gar nichts wissen können." So gelangt er dazu, sein Ich gleichzeitig anzubeten und seine Ohnmacht zu erkennen; Selbstbewußtsein wird zur Selbstbespiegelung, Sicherheit des Auftretens zur lärmenden Verbergung innerer Hohlheit. So lächelt er spöttisch über die beschränkte Einseitigkeit des Verbindungsstudenten und fühlt sich ihm doch im Innern, wenn er ehrlich ist, so unendlich unterlegen. Man glaube nicht, daß wir hier das uneingeschränkte Lob der deutschen Korporation singen wollen. Sie hat Entartungen entwickelt, die wir vom allgemein-menschlichen Standpunkt verwerfen, und sie besitzt Seiten, die wir als Juden nicht verstehen, geschweige denn uns aneignen können. Niemand verurteilt es schärfer als wir, wenn jüdische Studenten durch Nachahmen altdeutscher Trink- und Fechtsitten eigenen Wert beweisen wollen. Aber wir erblicken in dem Korporationsleben, wie es das deutsche Studententum geschaffen hat, die idealste Form der Erziehung. Und die Erziehung zur Korporation ist es, die dem jungen Juden not tut. Eine Individualität will er sein, Achtung vor der Würde seiner Persönlichkeit [verlangt er. So