Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 343 Natürlich, ein guter Karikaturenzeichner muß immer übertreiben. Wir wissen sehr wohl, daß es in der freien Studentenschaft genug reinrassige Germanen gibt, die es sogar an gelegentlichen antisemitischen Äußerungen nicht fehlen lassen. Wir wissen auch, daß es andererseits jüdische Studenten gibt, die mit einigem Geschick und Erfolg eine Entwicklung in der Richtung des Bier- und Couleurstudententums anstreben. Aber den eigentlichen Kern der Frage hat unser Bild dennoch getroffen. Germanischer Couleurstudent — jüdischer Freistudent, dieser Gegensatz ist eine Tatsache, die nicht nur einfach festzustellen, sondern auch psychologisch und geschichtlich zu begründen ist. Und wenn wir diese Erklärung versuchen, vergeht uns ganz und gar der heitere Ton, in dem man sonst von allem, was akademisches Leben angeht, zu sprechen gewohnt ist; wir sehen uns plötzlich dem großen Judenproblem in seiner ganzen Bitterkeit gegenübergestellt, sehen es gerade hier von seiner dunkelsten Seite. Nirgends vielleicht zeigt sich die Wurzellosigkeit, die innere Zerfahrenheit des modernen westeuropäischen Judentums erschreckender als in seiner akademischen Jugend. Der christlich-germanische Couleurstudent ist der Typus einer in Traditionen festwurzelnden Persönlichkeit; er geht in die Verbindung, deren Farben sein Vater und Großvater trugen, er tritt in das Leben ausgestattet mit einer Reihe vererbter Anschauungen über sich und andere, Vorurteile zwar, die ihm aber von Anfang an eine unfehlbare Sicherheit im äußeren Auftreten, eine unzweideutige innere Stellungnahme zu den Dingen ermöglichen. Die Erziehungsaufgabe seiner Korporation wird, richtig aufgefaßt, darin bestehen, diese innere und äußere Geschlossenheit zu stärken, mit einem Worte, den ganzen Mann zu schaffen. Ihre Erziehungsmittel sind vor allem die Aufrechterhaltung einer strengen, aber mit Vernunft angewandten Disziplin und die Einprägung eines hoch entwickelten Ehrbegriffs. Der leitende Gedanke im Erziehungssystem einer guten Korporation — und nur von solchen ist hier die Rede; es gibt auch andere — ist dieser: Nur die bewußte Unterordnung des Einzelnen unter ein gemeinsames Ganze ist im Stande, ihn zur Arbeit für die Gesamtheit zu befähigen; und nur nach dem, was es für die Gesamtheit leistet, bestimmt sich der Wert des Individiums.