Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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344 Der jüdische Student Und ich werde meine Freunde um mich sehen. Sehen Sie sich meine Freunde genau an. Wenn sie singen vor allem. Und auch sonst. Und reden Sie auch mit ihnen. Sie sind ebenso alt wie Sie. Und in allen klingt ein Ton derselben Glocke. Ich grüße Sie! Berlin, im Januar 1912 Emil Cohn Korporation und Invidualität Von Walter Hirschfeld, Berlin (V. J. St. Maccabaea). Es gibt heute keinen einheitlichen Typus des deutschen Studenten mehr. Die Zeit ist vorüber, da die Karrikaturen der Witzblätter, wenn sie einen wohlbeleibten, mit Band, Mütze und Schmissen gezierten, mehr oder minder geistreich dreinschauenden Jüngling zeigten, darauf Anspruch erheben konnten, den civis academicus in Reinkultur dargestellt zu haben. Vielleicht wird es nicht mehr lange dauern, bis in der satirischen Literatur neben dem Bilde des Couleurstudenten das seines Antipoden, des „Freistudenten", einen ehrenvollen Platz behaupten wird. Des Freistudenten, dem nicht mehr Kneipen und Mensuren den ausschließlichen Diskussionsstoff darbieten, sondern der es fertig bringt, sich stundenlang hintereinander über die höchsten und tiefsten philosophischen, ästhetischen, sozialen, politischen Zeitfragen zu unterhalten, der über alles und jedes seine Meinung äußert, bis sich der geduldige Zuhörer schließlich fragt, wie es möglich ist, daß ein einzelner Mensch alle diese Gebiete beherrschen kann, ohne ein Universalgenie oder verrückt zu sein. Des Freisiudenten, dessen Ideal die „Allgemeinbildung" ist und der deswegen alles — und nichts weiß. Und sollte einmal ein Zeichner oder Satiriker auf den Einfall kommen, Bier- und Freistudenten in einem Bilde gegenüberzustellen, so würde der schneidige Burschenschafter eine rein germanische Gesichtsbildung zeigen, sein Gegenüber aber würde höchst wahrscheinlich einen unverkennbar jüdischen Typus aufweisen.