Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der jüdische Student 343 Sie sind ein Schöngeist, Freund. Schämen Sie sich nicht! Ich war es auch und in gewissem Sinne werde ich es immer bleiben. Sie sind gleich den meisten der gebildeten jungen Juden, wie die Großstadt sie erzeugt, ein Schwärmer, ein Idealist. Wie die meisten, haben Sie sich auf die Erzeugnisse der Kunst und Literatur, die herrenlosen Güter in der Welt der Ideale, geworfen. Es ist eine eigene Sache mit diesen herrenlosen Gütern. Ihr könnt sie Euch aneignen und doch werden sie Euch nie erfüllen. Ihr schöpft in ein Danaidenfaß. Nur dem schaffenden Genius wird die Kunst ein Streben. Dem Genießenden nie. Sie sind ein Schöngeist. Ein Schöngeist ist einer, der über gewisse Dinge schön reden kann. Sie finden, ich habe damals schön über mein Judentum geredet. Aber Sie irren sich, in einer Grundsache irren Sie sich: Es gibt nämlich noch ein anderes, als über die Dinge zu reden; man kann auch i n ihnen reden. Und sehen Sie, so war es: Nicht über, in meinemJudentume habe ich geredet. Aus einem kreisenden Zirkel heraus. Das war es, was Sie ergriff, so stark ergriff, daß Sie heute ins Wanken geraten sind. Sie fühlen mit einem Male, daß Schöngeist zu sein, zu wenig ist für Sie. Sie fühlen, daß Ihnen etwas fehlt. Sie möchten gern etwas haben, in dem Sie leben und weben können, etwas Daseinsfüllendes, das nicht herrenloses Gut ist, sondern das Ihnen zu Recht gehört; ein Ideal, das stärker ist als Sie, das Sie äußerlich klein macht, indem es Sie beherrscht, innerlich aber groß und stark, indem es die vielen Metalle Ihrer Seele einschmilzt zu einer Glocke aus einem Gusse. O, sie wird einen edlen Klang haben, diese Glocke. Und Sie werden sich wundern: sie wird mehr in Ihnen zum Klang bringen, als Sie ahnen. Wenn sie klingt, müssen alle verborgenen Töne hervor aus den Winkeln Ihrer Seelenwelt und mitläuten. Nein, Sie werden nicht einseitig werden, lieber Kunstschwärmer. Im Gegenteil. Sie werden fast selbst zum Künstler werden, wenn Sie immer so schöne Musik in sich hören. — Sie fragen, wann Sie mich besuchen können? Kommen Sie, wann Sie wollen. Heute Abend schon können Sie mich treffen. In meiner Korporation. Ich lade Sie ein. Was dort los sein wird, fragen Sie mich? Nicht viel, Lieber! Wenigstens für Sie nicht. Wir werden Lieder singen.