Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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342 Der jüdische Student sich aus. Schließlich, als die liebenswürdige Dame des Hauses die Mahlzeit gesegnet hatte, drückten wir uns die Hände und gingen auseinander. Wie erstaunt war ich, als heute, eine Woche danach, Ihr Brief kam. Ich las ihn und kenne Sie nun. Ich sagte Ihnen schon, wie schön Ihr Brief ist. Er ist schön, obgleich seine Oedanken unklar sind. Es kommt mir vor, als hätten Sie den Brief zur eigenen Klärung geschrieben. Schadet nichts. Sie betonen zunächst, daß es ein rein künstlerisches, allenfalls menschliches, keineswegs aber ein jüdisches Interesse gewesen sei, was Sie zu Ihrem Schreiben veranlaßt hat. Zwar wären Sie lange nicht zur Klarheit gekommen, hätten sich auch kurze Zeit vorgespiegelt, wirklich ein jüdisches Interesse in sich wiedergefunden zu haben. Schließlich aber seien Sie zu der deutlichen Ueberzeugung gelangt, daß nicht meine Gedanken sondern die Art, wie ich sie vortrug, Sie gefesselt hätte. Wären dieselben Gedanken Ihnen in anderer Art geboten worden, sie hätten gewißlich keinen Eindruck auf Sie gemacht. Und Sie fragen: Ob ich dieselben Gedanken anderen Leuten in anderer Form biete? Und schließlich, ganz am Ende, fragen Sie: Ob ich mir wohl zutraue, Sie zu einem guten Juden zu machen? Diese letzte Frage hat mich mehr als alles gefreut. Um dieser Frage willen, nur um ihretwillen, beantworte ich Ihren Brief. Glauben Sie nicht, daß ich aus ihr aliein auf ein jüdisches Interesse oder wenigstens ein jüdisches Herz bei Ihnen schließe. Ich schließe nicht so. Nicht etwa aus Diplomatie, weil Sie sich darüber ärgern könnten, wenn ich es täte; sondern, weil ich Sie nicht an einem Judentume ergreifen will, das Sie noch nicht haben. Diese Frage freut mich an Ihnen, weil sie Ihnen Ehre macht. Nicht jeder würde sie in Ihrer Lage stellen. Sie ist nämlich ein Eingeständnis. Sie gestehen ein, daß Ihnen etwas fehlt. Und etwas sehr Schönes und Starkes, das fühlen Sie. Um es in Ihre Sprache zu übersetzen: Sie möchten gern so über Ihre Dinge reden können, wie ich über die meinen. Und Sie fühlen unbewußt, daß, was mich so zu sprechen befähigt nicht eine persönliche Eigenschaft von mir, sondern eine Eigenschaft der Dinge ist, die mich bewegen: meines Judentums. Bitte unterbrechen Sie mich nicht, sondern hören Sie mich bis zu Ende!