Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 341 Brief an einen jüdischen Abiturienten Mein verehrter Freund! Sie haben mir einen so schönen Brief geschrieben! Wirklich schön! Beinahe ergriffen hat er mich. Und dabei ist es der erste Brief, den ich von Ihnen erhalte. Und dabei knüpft er sich an nichts als an ein leichtes Gespräch bei Tische, das wir kürzlich in jenem wunderbar trauten Familienkreise führen durften, der uns beide damals zum ersten Male beisammen sah. Icn hätte nicht gedacht, daß jene Viertelstunde so in Ihnen nachwirken würde. Hatte auch keinerlei Wirkung beabsichtigt. Ich kannte Sie ja bis dahin gar nicht. Nun aber, da Sie mir schreiben, daß meine Ausführungen über die jüdischen Ideen Sie seitdem nicht losgelassen hätten, entsinne ich mich plötzlich wieder, daß auch ich mehr als einmal an Sie gedacht habe. Ihre begeisterten Worte über die moderne Kunst werde ich sobald nicht vergessen. Oder das vielleicht doch. Aber Sie selbst in Ihrer Begeisterung haben sich mir fest eingeprägt. Sie haben mir damals sehr gefallen. Ich habe Sie liebgewonnen. Gestatten Sie mir, dies zu sagen. Sie werden sich nicht zuviel darauf einbilden: Ich bin ja kaum sieben Jahre älter als Sie. Sie redeten über viele Dinge damals. Sie kamen, ausgehend von einer Theateraufführung, auf Ibsen zu sprechen, erörterten seinen dominierenden Einfluß auf die moderne Bühne, sprachen dann von seinen Frauengestalten, um schließlich zu Friedrich Hebbel überzugehen, der ja Ibsen durch das Problematische seiner Charaktere am verwandtesten ist. Sie mit der entzückenden Eitelkeit junger Studenten, die zeigen wollen, wie sie in den modernen Dingen bewandert sind, Mich rührte diese Eitelkeit, weil ich in ihr mich selbst wiederfand, so wie ich vor zehn Jahren war. Bis dahin war ich Ihren Gesprächen wohl gern gefolgt. Tiefer angeregt aber wurde ich erst, als ich sah. wie Sie auf meine jüdischen Gedanken reagierten. Sie schienen zuerst verblüfft, dann lachten Sie. Schließlich aber, als Sie mir trotz mancher und sehr graziöser Versuche nicht entgehen konnten, hörten Sie mich an. Mehr aber auch nicht. Ich wußte, Sie teilten nicht meine Ideen. Sie hörten aus Höflichkeit zu. Ich suchte nach tieferem Interesse bei Ihnen; Sie aber schwiegen