Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 335 fort; noch steht, wenn auch schon als Anachronismus empfunden, die katholische Kirche fest; und die Zeit ist nicht mehr fern, in der jeder Zusammenschluß auf der Basis der überlieferten Religionen als Sektiererei empfunden werden wird. Bei dieser Entwicklung hatten wir Juden mehr zuzusetzen als alle anderen Völker. Eins sei vorausgeschickt. Es wäre unvernünftig, den Juden daraus, daß sie diese Entwicklung mitmachten, einen Vorwurf zu machen. Historische Prozesse sind über Lob und Tadel erhaben; jede organische Entwicklung ist an sich richtig. Und die Entwicklung war organisch. Es spricht nur für die Juden, für ihren Kulturwert und ihre Kulturfähigkeit, daß sie, kaum aus dem Ghetto befreit, mit bewundernswertem Instinkt herausfanden, wo das Köstlichste der neuen deutschen Kultur war, daß sie, um es kurz zu sagen, sich Goethe nutzbar zu machen verstanden. Nur auf diesem Wege konnte die Unfreiheit des Ghettos überwunden werden. Aber sie wurde es nur zum Teil, und hier beginnt die Tragik der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die Juden glaubten, sich der ihnen geschenkten Emanzipation würdig zeigen zu müssen; sie nahmen die Gabe nicht mit ruhiger Selbstverständlichkeit hin, in dem Bewußtsein, daß sie den anderen mindestens so viel zu .geben hatten, als man ihnen gab, sondern sie fühlten sich als Freigelassene, die das Bewußtsein ehemaliger Abhängigkeit nie verlieren. Sie hatten dauernd das nervöse Bedürfnis, ihre Existenz den anderen gegenüber zu rechtfertigen. Und' sie glaubten das am besten zu tun, wenn sie ihr Judentum nach Möglichkeit verdünnten. In demselben Jahrhundert, in dem zuerst erkannt wurde, daß Persönlichkeiten nur auf dem Boden der Nation erwachsen, daß das Blut das Ewige und Bestimmende im Menschen ist, hatten die Juden nichts Besseres zu tun, als sich — aus purer Dankbarkeit, mit rechtem Helotensinn! — zu entnationalisieren, so gut sie es konnten. Sie zahlten unaufgefordert den Preis der Emanzipation damit, daß sie ihr Volkstum, an dem bis dahin sie selber so wenig als irgend ein anderer Mensch gezweifelt hatten, aufgaben und, gefragt oder ungefragt, mit verdächtigem Eifer sich als Glaubensgemeinschaft präsentierten. So entstand im Laufe einer Entwicklung, die unendlichen Stoff zur Satire gäbe, wenn die Dinge uns nicht so schmerzlich nahe gingen, als Entwicklungsprodukt der unübertreffliche „deutsche Staats-