Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 11 (29.2.1912)
- Date
- 1912-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Der jüdische Student Gestalten, die ihr eigenes Leben führten, das keine Verbindung mit dem Leben der Mitwelt zu haben schien. Sie waren uns ehrwürdig und lieb, und eine unbestimmte Neigung des Herzens zog uns zu diesem Typus, mochten wir ihn kulturell auch als zurückgeblieben ansehen, so imponierte uns doch seine Geschlossenheit und Festigkeit. Fest wurzelnd in dem überlieferten nationalreligiösen Judentum, bildeten diese Generationen eine kulturelle Gemeinschaft, und in ihr war jeder Jude ein Bürger mit vollem Recht. Ein Zweifel an der Solidarität aller Juden war etwas Unbegreifliches, war ein halber Abfall vom Judentum. — Mit jedem dieser Männer entschwand uns ein Stück einer Zeit, die nicht wiederkehren kann, eines Judentums, das zu Ende gelebt hat, das aber etwas Rechtes gewesen war. Fragen wir uns, ob wir die Fortsetzer dieser Vorfahren sind, ob in uns Enkeln die geistige Macht weiterlebt, die sich in jenen verkörperte, so muß, wenn wir ehrlich sind, die Antwort ververneinend lauten. Wie kam das? Wie kam es, daß schon für unsere Väter und erst recht für uns die Möglichkeit entschwand, so Juden zu sein, wie jene es gewesen waren? Die Antwort lautet: in den Jahrzehnten, die uns von jenen Generationen trennen, hat sich wie die Bedeutung aller Religionen, so vor allem die der jüdischen Religion von Grund auf geändert. Das Band der Religion, das uns Juden solange fest umschlang, hat sich gelockert, und es ist seiner Auflösung nahe. Die kulturelle Bedeutung der Religion änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts: neue Begriffe von Freiheit und Persönlichkeit ließen den kultivierten Westeuropäer jede religiöse Bindung mehr und mehr als unerträglich empfinden. Das Zeitalter der dogmatischen Religionen, der Religionen, die Glaubenssätze aufstellen — und ohne sie ist keine Religion denkbar, es ist müßig, darüber zu streiten, ob die jüdische Religion Dogmen kenne oder nicht, es gibt keine Religion ohne Dogmen. — war vorüber. Das religiöse Bedürfnis — soweit es vorhanden war und der Einzelne sich nicht genügen ließ an dem Satze „er stehe fest und sehe hier sich um" — suchte nach individueller Gestaltung; damit gewann das religiöse Leben vielleicht sogar an Innerlichkeit, aber es verloren die Religionen ihre organisierende Kraft. Diese Entwicklung schreitet zusehends