Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 9 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 285 kenntnis schärfer sehen lassen, als der engherzige Krämersinn des heute noch regierenden alten Judentums es vermöchte: noch sind die Spuren der langen Unfreiheit längst nicht ausgelöscht. Es bleibt noch Unendliches zu tun. Diese Arbeit, bezeichnet mit dem schlichten Wort „Erziehung", zu leisten, ist Aufgabe des B. J. C. Nicht gerade etwas Kleines ist das. Aber es gibt keine im Judentum arbeitende Organisation, die auch nur neben uns ernstlich in Betracht käme, die in so hohem Maße geeignet wäre. Fern vom Parteigetriebe, kann der B. J. C. an seinen Mitgliedern arbeiten, sie beeinflussen im Sinne einer Ersetzung des Fehlenden durch Betonen eines Prinzips von erhöhter moralischer Stärke, des Prinzips, das am kraftvollsten den Weg aus der Tiefe zur Höhe bezeichnet, durch Erziehung zur Ritterlichkeit. Sicherlich hat man Ähnliches schon hier und da gefühlt und gesagt, aber als eine Forderung des „korporativen Menschen", und als solche, also als eine wurzellos nur aus der Form folgende, mußte sie ohne Wirkung und Ausdruck bleiben. In Wahrheit folgt diese Forderung aus unserem Zionismus, unserem Judentum, der Erkenntnis unserer und des jüdischen Volkes Lage. Sie trachtet zu bessern, was der Druck entwürdigender Jahrhunderte an Verheerungen in der jüdischen Seele hinterlassen hat. Sie will uns höherwertig machen vor uns selbst, zu wertvolleren Menschen, das heißt Juden (denn in der Tat werden wir dann auch eher imstande sein, die lähmende Zweiheit unseres Judeseins und der Einflüsse der uns umgebenden nichtjüdischen Kultur zu überwinden. Ein Rest wird auch dann noch bleiben, aber er wird kleiner sein). Wir Westjuden sind allein in der Lage, in diese Entwicklung einzutreten. Den östlichen Juden fehlen noch heute die unerläßlichen Voraussetzungen dazu, Sie leben in der Unfreiheit, in Not und Bedrücktheit, Söhne des alten Volkes. Aus ihrer Seele, auf der Jahrtausende voll Knechtstum lasten, erwächst noch lange nur trübe Klage. Daß das jüdische Volk überhaupt noch existiert, spricht nur für seine Zähigkeit, seine Lebensfähigkeit, daß aber sein moralischer Status trotz des entsittlichenden Einflusses jahrhundertelangen Pariatums niemals unter eine gewisse untere Grenze sank, spricht für den noblen Kern des Stammes. Dennoch: Erziehung zur Ritterlichkeit? Das Wort prallt ab am Hunger und an der täglichen Angst um das nackte Leben. Nein, das gerade ist Aufgabe der westlichen Nationaljuden : unserem Volke eine neue Aristokratie zu erziehen. Eine Gruppe von Männern, untadelig an Gesinnung, die fähig und würdig sind, die Ersten der Nation zu sein. Männer von so hohem moralischem Schwung, daß sie imstande sind, sich die Achtung und das Vertrauen ihrer Volksgenossen zu erzwingen. Männer, die das Kleinliche verlernt haben, in denen der Sinn für das