Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 8 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537699--2097-3540215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
244 Der jüdische Student Kenner der Verhältnisse verraten. Indessen kann man zweifelhaft sein, ob diese praktischen Anregungen eine absolute Bereicherung des Buches bedeuten. Es wäre vielleicht ganz gut, wenn wir ein Buch besäßen, das nur theoretische Ausführungen enthielte und diese ganz klar und unverwischt und unvermischt mit irgendwelchen praktischen Vorschlägen herausarbeitete. Spezielle praktische Verfahrensarten sind doch immer Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt und können so die Wirkung der mit ihnen in Zusammenhang gebrachten theoretischen Auseinandersetzungen beeinträchtigen. Andererseits ist nicht zu verkennen, daß der Hinweis auf bestimmte Wege dem Einwände der Undurchführbarkeit, den mancher erheben wird, für den die Lektüre des Buches die erste Beschäftigung mit zionistischen Gedanken bedeutet, die Spitze abbricht. Ein Wort noch von der Art des R u p p i n sehen Zionismus. Wir sehen, er ist vom Antisemitismus ganz unabhängig. Freie Entfaltung der Volkskräfte ist sein Ziel. Schule und Kolonisation sind seine Mittel, politische Aspirationen liegen ihm ganz fern und der Charter - Gedanke wird strikt abgelehnt (wodurch er jedoch keineswegs jede politische Betätigung ausschließen will). So richtig diese Auffassung heute ist, so kann eine andere Beschränkung nicht meine volle Zustimmung finden, nämlich wenn er sagt: „Der Zionismus kann nicht die wirtschaftliche, sondern nur die moralische Judennot beseitigen." Es soll gern zugegeben werden, daß das zunächst Erreichbare die Ansiedelung einer nicht besonders großen Judenmasse in Palästina ist und daß damit die Grundfrage der Schaffung eines eigenen Volkslebens ihrer Lösung entgegengeht. Aber es erscheint bedenklich, die materielle Judenfrage restlos aus dem Programm des Zionismus auszuschließen. Die Judenfrage wird jedenfalls noch nicht vollkommen gelöst sein, solange sie noch für große oder die größten Teile der Judenheit besteht. Es ist nicht einzusehen, warum nicht die von R u p p i n richtig angegebene Entwicklung in ferner Zukunft einmal — ganz ohne sprunghafte Experimente, im naturgemäßen Verlaufe ihrer Ausdehnung — einen Umfang annehmen kann, der über das eigentliche Palästina hinausgeht und in einem Greater Palestine tatsächlich für die Masse des jüdischen Volkes jede Judenfrage löst. Zugegeben sei, daß diese Möglichkeiten im weiten Felde liegen, aber s e deswegen ganz aus dem Zionismus auszuscheiden und so die Masse des jüdischen Volkes aufzugeben, dazu scheint mir keine Veranlassung vorhanden. Man vergesse nicht, daß die kulturelle Höchstentfaltung erst mit der Befreiung der Massen von wirtschaftlicher Not möglich sein wird und daß daher auch die kulturelle Seite mit dieser weiteren Lösung in Zusammenhang steht