Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 8 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Der jüdische Student änderten äußeren Umständen ebenso den hervorragenden Gelehrten, Politiker, Ingenieur und Offizier bilden" oder wenn wir darauf aufmerksam gemacht werden, „daß wir in den heutigen Juden der Rasse nach im großen und ganzen noch dieselben Menschen vor uns haben, die unter König David siegreich kämpften, unter Esra und Nehemia Buße taten, unter Bar Kochba für die Freiheit starben, im frühen Mittelalter als große Handelsherren den Handel zwischen Europa und dem Orient beherrschten", so sind das gewiß Dinge, deren wir uns bei der Abwehr jüdischer und nichtjüdischer Gegner werden erinnern müssen. Und wenn so mancher Zug, der auf die „Minderwertigkeit" der Juden zurückgeführt wird, ganz natürlich aus der ungesunden wirtschaftlichen und sozialen Lage erklärt wird, so ist auch das von großer Wichtigkeit. Die Bedeutung des Rassenwertes wird durch eine Bewertung der heute vorhandenen jüdischen, d. h. ostjüdischen Kultur ergänzt, die ergibt, daß diese an sich durchaus wertvolle Kultur nur deswegen rückständig erscheint, weil sie, durch jahrhundertelange Absperrung isoliert, dem allgemeinen europäischen Fortschritt entzogen gewesen ist. Das Problem der Fruchtbarmachung des jüdischen Volkstums könnte also gelöst werden durch die Verschmelzung moderner europäischer Weltbildung mit jüdischer Tradition, welche die Erhaltung jüdischer Eigenart gewährleistet, ihren Untergang in irgend einer Fremdkultur verhindert. Man wird vielleicht sagen müssen, daß alle die Beweise für den Wert der Juden an sich nicht notwendig sind, wie überhaupt die ganze Methode, die dahin geht, die Vorzüge oder Nachteile eines Volkes zu bestimmen, etwas eigentlich Ueberflüssiges enthält. Die Entwicklung ist so wenig zu berechnen, daß man Werturteile über irgendwelche Charakterzüge nicht abgeben sollte, weil jeder gute Zug sich ins Böse verkehren kann und umgekehrt. Es muß vielmehr genügen, daß die Eigenart eines Volkes, die Tatsache, daß es ein Individuum ist, festgestellt wird; damit ist ein Anspruch auf eigenes Leben vollkommen gerechtfertigt, weil jeder Individualität, sie sei wie immer geartet, die Möglichkeit gegeben werden muß, sich zu entwickeln, auszuleben und andern gegenüber durchzusetzen, und die Geschichte allein darin, daß dieses Sichdurchsetzen gelingt oder mißlingt, ihr Urteil spricht, ein Urteil, demgegenüber alle Werturteile einzelner höchst nebensächlich sind. Trotzdem soll der Wert der Feststellung von Charakterzügen nicht geleugnet werden, unter der Voraussetzung allerdings, daß sie in vorsichtig-wissenschaftlicher Weise geschieht, denn hier öffnet sich dilettantischer Spekulation ein weites Feld, wenn die Einflüsse der geschichtlichen Entwicklung und des Milieus nicht genügend in Betracht gezogen werden, die oft