Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 8 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Der jüdische Student längst für den Abbruch reif ist, nur durch einen neuen Anstrich etwas präsentabel zu machen. Wir haben das Haus von Grund auf neu zu errichten. Wir wünschen keine „Jeschiwoh", wir wollen noch weniger einen Aestheten- oder Literatenklub, sicher aber keinen Zirkus für dressierte Modeaffen! Das ist das Schwierige und zugleich Entscheidende bei uns: das Ausbauen der jüdischen Kenntnisse, vor allem das Reifwerdenlassen des jüdischen Denkens und Fühlens organisch und harmonisch zu verbinden mit der Aneignung dessen, was man zwar abgebraucht, aber treffend mit „allgemeiner Bildung" bezeichnet, und mit der Aneignung schlechthin westeuropäischer Zivilisation. Das hat Hand in Hand zu gehen. Eine Bevorzugung des einen kann nur auf Kosten des andern geschehen und ein sicherer Niedergang wäre die notwendige, unausbleibliche Folge. Daß wir als Studenten und Juden den akademischen Standesanschauungen und -gepflogenheiten soweit wie nötig uns anzupassen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben, darüber besteht bei uns heute ja kaum noch eine Diskussion. Schließlich ist bei einer vollendeten korporativen Erziehung noch ein Moment zu betonen, das ist das Moment des korporativen Zusammengehörigkeitsgefühls, der Bundesbrüderlichkeit. Dieses Gefühl erwächst zweifellos aus dem Bewußtsein nicht etwa persönlicher Sympathie oder Freundschaft, sondern vielmehr aus dem gemeinsamer Entwicklung, gemeinsamen Großgewordenseins, vor allem aber aus dem Bewußtsein gemeinsamer Arbeit für gemeinsame Interessen. Die Bundesbrüderlichkeit hat sicher eine starke innere Verwandtschaft mit dem, was wir als Familiensinn bezeichnen, wobei ebenfalls persönliche Sympathien oder Antipathien keineswegs entscheidend mitsprechen. Das feste Gefüge der Organisation hält die Menschen bei einander, und das Gemeinsamkeits-, das Einheitsgefühl läßt sie nach außen hin solidarisch auftreten. So erklärt sich uns auch z. B. das Konventsgeheimnis, worauf der eintretende Fux feierlich verpflichtet wird, als natürliche Konsequenz: man spricht einfach nicht nach außen über Familienangelegenheiten! Genau so wenig, wie bei unliebsamen Erörterungen und Affairen, die gleichfalls hin und wieder in der Familie vorkommen sollen, auch nur das leiseste Wort nach außen durchsickert: man beschmutzt eben nicht das eigene