Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 8 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537699--2086-3540204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Student 233 sind unsere Aufgaben weit umfangreicher, wie jetzt dargetan werden soll. Wir alle, wir wissen es gut, haben die Zucht bitter nötig. Aber sie nicht allein. Was unsere Arbeit vom militärischen Drill so wirksam und erfreulich unterscheidet, ist die Erziehung nicht zur sklavischen, sondern zur selbstgewollten freiwilligen Unterordnung, ein Ziel, das aber nur dann voll erreicht werden kann, wenn die Aelteren bemüht sind, den Jüngeren — man darf es hier stolz sagen — unsere großen geistigen und seelischen Reichtümer unter liebe- und verständnisvollem Erkennen ihrer Bedürfnisse zu vermitteln. Und daß man diesen wichtigsten Teil unserer Erziehungsarbeit nicht vernachlässige bei dem notwendigen Anlernen der äußeren Formen, diese Warnung kann heute nicht oft genug wiederholt werden. Der Fehler wird bereits jetzt viel zu oft gemacht, wenn er auch menschlich begreiflich ist. Uns alle trennen drei, höchstens vier Generationen von der Unkultur des Ghetto. Unsere Großväter, längstens unsere Urgroßväter waren Krämer und Hausierer. Wir sind Parvenüs im eigentlichen Sinne des Wortes. Wen kann es da wundern, wenn manche von uns, die beim Umhersehen sich der Fülle ihrer äußeren Mängel bewußt geworden sind, zunächst ängstlich darauf bedacht sind, alles das abzulegen, was sie äußerlich unvorteilhaft von anderen unterscheidet? Aber sie vergessen dabei, daß bei der menschlichen Entwicklung nicht wie bei einer Treppe zwei Stufen auf einmal zu nehmen sind, daß die äußere Kultur nur ein Produkt der inneren ist und sein darf, und daß es traurig-lächerlich und abstoßend wirkt, einen hohlen äußeren Firnis zu sehen, ohne daß etwas dahinter steckt. Es ist dasselbe Bild, wie es sich bei den uns sattsam bekannten Typen des ominösen Berlin W. darstellt, wo der reichgewordene Bankier zwar die deutsche Sprache nicht beherrscht, sich dafür aber kostbare Oelgemälde und eine große Bibliothek anschafft, ohne auch nur die Autoren ihrem Namen nach zu kennen. Der ganze Aufwand entspringt nicht etwa seinen inneren Bedürfnissen, sondern er hat das alles bei irgend einem Bekannten gesehen und glaubt, das mitmachen zu müssen, um für voll genommen zu werden. Man könnte uns mit Recht vorwerfen, wir arbeiteten unsolide und nur für den äußeren Schein, beschränkten wir uns darauf, die Fassade eines Gebäudes, das