Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 8 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Der jüdische Student Wenn wir von dem „Ideal der korporativen Erziehung" sprechen, haben wir im allgemeinen die erstgenannte Bedeutung im Sinn: wir denken an einen Menschen, bei dem die Methode nunmehr zu dem erwünschten Ziel geführt hat, einen Menschen, der in vollkommenster Weise ausgestattet ist mit all den Qualitäten, die wir für das Produkt dieser unserer Methode als erstrebenswert erachten. Entsprechend der festgestellten Doppeldeutigkeit des zu Grunde liegenden Begriffes soll in diesen Ausführungen der Versuch gemacht werden, erstlich die Attribute des idealen jüdischen Korporationsmenschen zu fixieren und dann auch einige Richtlinien für die praktische Pädagogik aufzuzeigen. Zuerst aber noch eine kurze notwendige Ueberlegung: unterscheidet sich im Einzelfalle der ideale Korporations-Mensch (man verzeihe mir diesen Ausdruck; ich konnte keinen prägnanteren finden) im allgemeinen in wirklich wesentlichen Punkten von dem, was jeder gründlichen praktischen Erziehung als Ideal vorschwebt? Man abstrahiere bei der Beantwortung dieser Frage von den hier sekundären, durch die Verschiedenheit des Standes bedingten Unterscheidungen, Satisfaktion etc., sondern man denke zum Beispiel an den Typus des Großindustriellen, des Abkömmlings einer kaufmännischen Patrizierfamilie, der in gesellschaftlicher und kultureller Bildung dem Akademiker sicher nicht nachsteht, obschon er niemals eine korporative Erziehung genossen hat Ist es nicht vielmehr so, daß das Epitethon „korporativ" in der Hauptsache auf die eingeschlagenen, beziehungsweise einzuschlagenden Wege hindeutet, bei denen naturgemäß die spezifisch standeseigentümlichen Anschauungen Berücksichtigung finden mußten? Ich neige dazu, zunächst diese letzte Frage zu bejahen. Aber trifft das auch bei dem idealen jüdischen Korporations-Menschen zu? Nein. Es ergibt sich bei näherem Zusehen sofort ein großer, großer Unterschied nicht nur zwischen den Methoden, sondern auch zwischen den Erziehungsidealen der jüdischen und der nichtjüdischen Korporation. Während die nichtjüdische Korporation im allgemeinen keinen besonderen Zielgedanken verfolgt, sondern im ganzen nur einen geselligen Zusammenschluß darstellt, in dem sich als Folge — wohlgemerkt nicht als Zweck! — allerdings eine äußere Vervollkommnung der Mitglieder ergibt,