Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 8 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Der Jüdische Student Monatsschrift des Bundes Jüdischer Corporationen 8. Jahrg. Berlin, 24. November 1911 No. 8 Jüdisch-korporative Erziehung Von Hans Z a m o r y (V. J. St. Maccabaea I. A. B.), Straßburg Korporative Erziehung — es ist schwer, für diesen viel gebrauchten und viel mißbrauchten Begriff eine Definition von ^allgemeiner Geltung zu finden. Aber soviel ist sicher: Die Idee der korporativen Erziehung deckt sich nicht mit den Anschauungen derer, die ihre „Korporativität" lediglich dadurch zu betätigen glauben, daß sie mit Späheraugen die Bügelfalten ihres Nächsten auf ihre Ordnungsgemäßheit hin betrachten, die den Stab brechen über jeden, der „Röllchen" trägt, während man besonders bei Zensoren dieser Art häufig zu der Feststellung Gelegenheit hat, daß sie es beispielsweise in Dingen selbstverständlicher Körperpflege und Reinlichkeit nicht gerade genau nehmen. Das ist nicht etwa eine tendenziöse Uebertreibung! Diejenigen, die das persönlich angeht, denen ich ähnliches manchmal unter vier Augen gesagt habe — es gibt deren gar nicht so wenige! — werden sich schon beim Lesen dieser Zeilen getroffen fühlen. — Warum ich gerade mit dieser Einzelheit beginne? Weil sie ein Symptom ist. Freilich eins von vielen, aber eins der wichtigsten und häufigsten. Ein Symptom dafür, daß wir uns auf dem Wege zu unserm Erziehungsideal zu verirren Gefahr laufen, und daß wir somit unser Ziel nicht nur nicht erreichen, sondern, was viel schlimmer ist, das Schlimmste, was uns in dieser Hinsicht überhaupt passieren kann, gerade zu dem werden, was wir nicht werden wollen; zu einer Karikatur dessen, was uns vorschwebt. Der Begriff Erziehung bedeutet ein Zwiefaches: er bedeutet einmal die erreichte Stufe einer gewissen innerlichen, d. h. geistigen und seelischen, und äußerlichen Vollkommenheit; ferner und ursprünglich ist er der Name für das Tendieren nach diesem Vollkommenheitsgrad, für die Methode zu seiner Erreichung.