Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537691-3537697--2018-3540134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Student 167 sachen, die dieses Manko weniger bedenklich erscheinen lassen. Die erste dieser Tatsachen ist die, daß eine überraschend große Anzahl der preußischen Studierenden aus sozial niederen Schichten stammen, die innerhalb der Judenheit nur einen sehr geringen Anteil ausmachen. Schon im Jahre 1886/87 gehörte etwa 1/s der Väter aller Studierenden den Ständen an, welche nur ausnahmsweise mit Qlücksgütern gesegnet sind: Beamte und Lehrer ohne akademische Bildung, Militärs im Unteroffziersrang, Aufsichtspersonal der Kaufleute, der Industrie und Landwirtschaft, Bauern, niedere Bedienteste und Arbeiter; ohne Kleinkaufleute, Gastwirte und Handwerker. (Preuß. Statistik Bd. 102.) Und der Andrang dieser subalternen bzw. niederen Schichten zu den akademischen Berufen wächst notorisch immer mehr. Die Folge davon ist die zweite Tatsache, daß nämlich der Prozentsatz der Väter mit Hochschulbildung dauernd sinkt, von 1899—1905/06 von 27% auf 23%. Dem gegenüber verliert die geringe Zahl der akademisch gebildeten Väter bei den Juden an ungünstiger Beurteilung, besonders wenn man die oben dafür angeführten Gründe berücksichtigt und dazu noch bedenkt, daß die Zahl bei den Juden in stetem Wachsen begriffen ist; und andererseits bedeutet die überwiegende Abstammung aus gut kaufmännischem Stande sogar eine soziale Höherstellung. Man muß also sagen, daß die Struktur der Herkunft der jüdischen Akademiker eine wesentlich andersartige ist; das antisemitische Schlagwort von der Proletarisierung der akademischen Stände durch die Juden ist aber nicht nur unhaltbar, sondern auch unvorsichtig. Ich komme zum Schluß. Ich bin mir der Grenzen und Mängel dieser Untersuchung wohl bewußt, in erster Reihe der lokalen und ziffermäßigen Beschränktheit des zugrunde liegenden Materials. Es war auch nicht meine Absicht, eine Lücke auszufüllen, sondern nur auf sie hinzuweisen und zu zeigen, wie wichtig und interessant eine solche Untersuchung auf breiterer Basis werden könnte. MITTEILUNGEN Berlin. Im Gegensatz zu den Wintersemestern stehen die Sommersemester in Berlin meist unter dem Zeichen einer gewissen Leere; Leere an Menschen und an Ereignissen. Ein volles Drittel der Studenten, die im Winter Berlin bevölkern, bleibt im Sommersemester fort und geht, wie es ja ganz erklärlich ist, lieber nach kleinen Sommeruniversitäten.