Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Der jüdische Student dieser Zeilen gedacht hat. Wir haben als wichtigste Tatsachen über die Herkunft der jüdischen Akademiker gefunden, einmal, daß die Zahl der Väter mit Hochschulbildung auffällig gering ist, und zweitens, daß die weitaus überwiegende Masse der jüdischen Studierenden aus dem Handel und Verkehr hervorgeht. Es hat sich also auch auf diesem speziellen Gebiete wieder gezeigt, daß der gesellschaftliche Aufbau der Judenheit von dem der Oesamtbevölkerung wesentlich verschieden ist, worauf im allgemeinen jüngst wieder J. Segall (ZDStJ. 1911 April) hingewiesen hat. Die Frage, der ich nun nachgehen will, ist die, ob die Abweichung der sozialen Herkunft der jüdischen Akademiker etwa eine geringere soziale Wertigkeit derselben bedeute. Ich erhebe diese Frage deswegen, weil es bekanntlich ein häufiger und beliebter Vorwurf, nicht bloß der Antisemiten, ist, daß die Juden zur P r o 1 e t a r i s i e r u n g der akademischen Stände besonders beitrügen. Nicht nur in dem Sinne, daß durch den übergroßen Andrang der Juden und besonders unbemittelter Juden zum Universitätsstudium ein materielles Akademikerproletariat gezüchtet oder vermehrt werde, sondern mehr noch im sozialethischen Sinne, daß infolge der seltenen Herkunft aus Kreisen mit akademischer Ueberlieferung, infolge des überwiegenden Abstammens aus kaufmännischen Schichten, die z. T. selber erst frisch emporgestiegen sind — daß infolgedessen „materialistische" Anschauungen unter den jüdischen Akademikern mehr herrschten; daß die Lebensgewohnheiten, die Lebensbedürfnisse, die Auffassung von Erwerb und Verdienst, der gesamte sittliche und besonders kulturelle Standard of life bei ihnen niedriger seien, weniger von idealer Auffassung getragen seien. Diese Schlagworte gehören zu denen, die oft auch gerade in jüdischen Kreisen geglaubt werden, nach den persönlichen oberflächlichen Eindrücken, die ein jeder von uns von dem sozialen Aufstieg aufgenommen hat. Und ich gestehe, daß ich vor und am Anfang dieser Untersuchung diese Meinung geteilt und mit aufrichtigem Bedauern geglaubt habe. Bei der weiteren Nachforschung hat sich mir aber — ich möchte sagen: Gott sei Dank! — die Irrtümlichkeit und Unhaltbarkeit dieser Anschauung gezeigt; und gerade weil es zunächst den Anschein haben könnte, als wenn meine Ergebnisse diesen Vorwürfen eine zahlenmäßige Grundlage und Rechtfertigung gäben, gerade deswegen habe ich diese Frage hier noch anschneiden wollen. Man muß allerdings, objektiv, zugeben, daß gegenüber den allgemeinen Verhältnissen die Seltenheit akademischer Familientradition und die Einseitigkeit der Herkunft aus Handel und Verkehr ein ungesundes Faktum, ein unerfreuliches Manko auf unserer Seite ist. Allein betrachtet man die Herkunft der preußischen Studierenden insgesamt näher, so erfährt man Tat-