Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 155 zeug vergeblich hinter ihnen herzulaufen, sondern wir bekämpfen sie mit denjenigen Waffen, mit denen sie für uns erreichbar und — allein belehrbar sind. Unsere Väter haben es übrigens mit dem Umschmieden ihrer Schwerter in Winzermesser auch gar nicht so eilig gehabt, sondern fanden immer noch andere Verwendung dafür. Dafür sorgten schon, gerade so wie heute, die lieben Nachbarn. Die Aufforderung, dem Ohrfeigen Austeilenden noch die andere Wange hinzuhalten, hat sich bis zum heutigen Tage weder in jüdischen noch in christlichen Kreisen Salonfähigkeit verschaffen können, während das ominöse „Auge um Auge, Zahn um Zahn", welches Christen, die das Judentum nicht kennen und uns etwas am Zeuge flicken wollen — übrigens oft genug auch Juden, die dasselbe wenig rühmliche Bedürfnis spüren — so gern gegen das Judentum ausspielen, noch immer bis in die die allerbesten Kreise hinauf Geltung behalten hat. Die ohnedies etwas fadenscheinige Behauptung von dem stets friedlichen Charakter unseres Volkes wird nicht glaubhafter, wenn man sieht, wie vielen unserer Jungens die Freude an der blanken Klinge und die Lust am fröhlichen Waffenspiel förmlich im Blute steckt. Und so hat diese Frage, für deren Beantwortung nicht blutarme Stubenweisheit, sondern mit Recht lediglich praktische Erwägungen und unser gesundes Empfinden ausschlaggebend sein durften, längst die allein mögliche Lösung gefunden: die theoretisierenden Individualisten, deren unser armes Judentum noch immer viel zu viele hat, haben ihren Frieden gemacht, in allen Bundesvereinen wird täglich fleißig gefochten, und jeder weiß, wenn man ihm zu nahe tritt, was er zu tun hat. Und wir können mit dem Erfolge wohl zufrieden sein. An den Universitäten kennt man unsere Leute, wenn man vielleicht von den ganz großen Universitäten mit ihrer Riesenzahl von Studenten absieht, und antisemitische Anpöbelungen von Bundesbrüdern sind ziemlich selten geworden. Auch gibt das Bewußtsein, den Säbel führen zu können und jederzeit gerüstet zu sein, dem einzelnen die ruhige Sicherheit im Verkehr mit den andern Studenten, die Respekt einflößt und zuweilen in recht ergötzlicher Weise die Lust zu antisemitischen Roheiten sich im Handumdrehen in ausgesuchteste Höflichkeit verwandeln läßt.