Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 149 Indem das deutsche Judentum dem Antisemitismus so zu Willen war, verschüttete es mit eigener Hand die Quellen seiner Existenz. Denn als in einer Zeit tiefgehender religiöser Skepsis die religiöse Begründung ihres Judentums für tausende jüdischer Jünglinge nicht mehr ausreichte, da erwies es sich, daß die neue, im Kampf um die Emanzipation aus Opportunismus und Kleinmut geborene Lehre vom konfessionellen Charakter des Judentums zu seinem Problem geworden war. Daß man in schwächlicher Nachgiebigkeit gegen den Antisemitismus die durch andere Einflüsse ohnehin gefährdete Idee endgültig vernichtet hatte, die allein imstande gewesen wäre, das Judentum im Wechsel der Zeiten und Anschauungen zu erhalten. Das ist die Idee, daß wir Juden ein Volk eigenen Schicksals sind, daß aber das Judentum schlechthin die Seele und die schöpferische Kraft dieses Volkes ist, die ewig sich erneuernd, immer neue Inhalte aus sich heraus schafft, — die daher nie veralten und nie sich überleben kann. Das ist die Idee, daß Judentum nicht bloß Religion sondern auch Volkstum heißt, das ist letzter Ursprung und Quelle der gesamten geistigen Persönlichkeit jedes einzelnen Juden; nicht nur sein „Glauben", sondern sein Empfinden, sein Wollen und sein Denken. Das ist die Idee, daß jeder Jude durch unlösbare, von seinem Willen und seinen Anschauungen unabhängige, aber seine Seele bestimmende Zusammenhänge mit dem alten Volke verbunden ist. Im Kampf gegen den Antisemitismus hat man Stammessinn und Volksbewußtsein zu Grabe getragen. Im Kampf gegen den Antisemitismus haben viele ihre geistige Freiheit verloren, indem sie sich gewöhnt haben, a priori alle Resultate geistiger Arbeit abzuweisen, die das Recht und die Notwendigkeit der Volksidee verkünden. Denn man ist ja entschlossen, dieses Recht dem Antisemitismus zu opfern. So ist es gekommen, daß der Antisemitismus dem deutschen Juden die Grenzen seines Urteils über sich selbst setzen durfte, daß der Jude ein Sklave des Antisemitismus wurde, als er gegen ihn kämpfen wollte. Solcher Kampf gegen den Antisemitismus ist kein Kampf um ein jüdisches Ideal, er ist keine heldenhafte Verteidigung alter jüdischer Posten. Er ist ein ständiges Zurückweichen.